
"Ich über mich"
"Münster - Menschen - Karneval"
mit allen Berichten und Fotos aus dem Internet, sowie dem Buch "Eine Gesellschaft im Münsterischen Karneval" von Norbert Hintzke und einem 70 Minütigen Videofilm von den Galasitzungen und Tennengerichten bis 1995 unter meiner Vereinsführung als Präsident und vörnste Baas

Lied "Mönster du biss mine Stadt"
Lied "Münsterlandlied"
Lied "Münster du bist wirklich eine Stadt mit Flair"
Lied "Ich möcht so gern noch einmal in die Schule gehn"
Alle Lieder sind im Text und in der Musik von Willy Eichel und bei der Gema eingetragen
Mail Adresse: Info @ eichelwilly.de
"Ich über mich"
Ein
Junge aus Ludgeri
Der
Anfang

Der 5. April des Jahres 1924 soll dem
Vernehmen nach
ein wunderschöner, sonniger Frühlingstag gewesen sein. So ist
es zu verstehen, daß vor dem alten Brauhaus Lepper in`n Hals, später Sängerklause
Eichel an der Krummen Straße, eine stattliche Frauensperson stand, vollbusig,
mit herrlicher Figur und einem wunderschönen Dutt, so nannte man den Knoten im
Haar,
der zur damaligen Zeit viel getragen wurde. Johanna Hülswitt, eine
Bauerntochter, bis dato unverheiratet, führte die Küche in dem Brauhaus und Gasthof, in den
ihre Schwester Gertrud am 28. Oktober 1918 eingeheiratet hatte und zwar den Koch und Konditormeister
Willy Eichel. Eben diese Johanna Hülswitt erzählte es nun allen
vorbeikommenden Paohlbürgern, bi Eichels häd no drei Wichter nen Jungen giäven.
Willy
sall he heiten.Die glücklichste von allen aber soll Oma Lepper - Eichel gewesen
sein. Die alte Frau Terwege,
Obst und Gemüse, die an diesem Morgen lieferte, brachte diese Sensation denn auch
bald in Äegidii, Ludgeri unters Volk. Zu den ersten Gratulanten mit, zählte
der spätere Reichskanzler Heinrich Brüning, der auf der Schützenstraße
wohnte sowie der alte Prälat Beelert. Er war ein Geistlicher wie ich ihn
später in meinem Leben nie wieder getroffen habe. Mein Vater, der im ersten Weltkrieg seinen
linken Arm verloren hatte, starb im Jahre 1928 an einer bei Verdun sich
zugezogenen Gasvergiftung. So führte meine Mutter als Witwe mit ihrer Schwester
Johanna, einem Kindermädchen und einem Hausmädchen diese große Gaststätte
mit Brauerei und Saal sowie fünfzehn Fremdenzimmer.

Rund um Ludgeri
Die Ludgeripfarre hatte für mich die schönsten
Straßen und Gassen. Mit Wehmut denke ich heute an diese alten Winkel zurück.
Den Durchgang von der Ludgeri- zur Königsstraße durch den Biergarten
Brabender, ein Biergarten, in dem zur Sommerzeit samstags abends und sonntags
Musik durch Militärmusiker war. Die Rothenburg, der Äegidiiplatz mit seinem
Kaserrnengelände, die Lütke Gasse mit dem Durchgang durch den katholischen
Keller zur Äegidiikirche, der Äegidiistraße mit der Breiten und der Grünen
Gasse, an der die beiden Kneipen Brecklinghaus und Beisenkötter lagen, die von
unserer Brauerei auch das gute Lepper`s Alt bezogen. Beide
hatten einen Durchgang von der Grünen zur Breiten Gasse und somit den idealen
Spielwert bei Räuber und Gendarm. Während im Hof bei Beisenkötter die
Kegelbahn lockte, war es bei Brecklinghaus eine schmale Gasse zwischen der
Gaststätte und dem Altenheim Vrie-Wendt, durch die wir liefen und dann im
Schankraum herauskamen. Vorbei an der Schreinerei Lienkamp kam man dann wieder
auf die Krumme Straße, wo unter der Nummer 21 und 22 die Altbierbrauerei
Leppers in`n Hals, vormals Brauerei Bäumer und nach der Heirat der Witwe Lepper
mit dem Bierbrauermeister Franz Eichel, die Altbierbrauerei Lepper- Eichel gelegen war. Jenes
Altbierhaus, welches Landois in seinem Buch "Franz Essink, bi Liärvtieden"
erwähnt, in dem Landois, Essink und viele andere bekannte münstersche Originale
zuhause waren. Ein damals sehr bekanntes Lied im Refrain war: "Bi Pals, bi
Pals, bi Leppers in`n Hals". Pals war ebenfalls eine Altbierkneipe. In
unserem Haus Nummer 22 wohnte der Holzbildhauer Josef Heckmann, und in seiner
Werkstatt bastelte ich meine ersten Windmühlen aus Zigarrenkisten. Seine Frau
Maria hatte mich besonders ins Herz geschlossen, und bei den Kaffeestunden mit
ihr und meiner Tante Johanna im Biergarten war ich immer dabei. Das alte
Brauhaus Lepper`s war auch das Gründungs und Verbindungshaus der
Studentenverbindung Saxonia
.Eine Häuserfront
weiter lag an der Krummen Straße das Verbindungshaus Cimbria, dazwischen
gelegen das Fahrradgeschäft Döbbeler und etwas weiter das Bettenhaus Powiton,
auf der anderen Seite das Altenheim Vrie-Wendt, das Fahrradhaus Frie und daneben
unser Bäcker List alles Paohlbürger von echtem Schrot und Korn. Vier Kinder
waren wir von 6 die meine Mutter geboren hatte, 2 waren gestorben in den ersten
14 Tagen, Anni, Willy, Franz und Trude, die dieses Anwesen mit Leben erfüllten
und das nicht zu knapp. Gelegenheit war damals mehr als reichlich vorhanden,
denn die alten Braukeller und Speicher boten sich für alle Zwecke an. Willy
wuchs zu einem echten münsterischen Jungen heran, der durch allerlei Streiche
von sich reden machte. Eine besondere Spielfläche war der Gartenhof des
Jesuitenhauses hinter unserer Brauerei gelegen. In dem zuständigen Pater
Grauvogel hatten wir einen Ansprechpartner der uns diesen großen Platz wann
immer wir wollten zur Verfügung stellte. Er gründete hier später den ND das
Neue Deutschland. Es war jenes Jesuitenhaus in dem der spätere Reichspropaganda
Minister Josef Goebels eine Zeit studierte .
Willy`s erste Beichte
Dadurch, daß sich Willy sehr viel bei seiner
Tante in der Küche aufhielt, die sie führte, wurde er schon zeitig mit
allerhand Lustigem bekannt gemacht. Selten war ein Tag da, an dem seine Tante
nicht aus aller Herzenslust Lieder sang, und der wohl seinerzeit bekannteste
Schlager "Kannst Du küssen Johanna?" war ihr Favorit. Während Anni
als älteste Schwester schon zum Beichtunterricht ging, lag Willy seiner Tante
nun dauernd in den Ohren, ebenfalls zum Beichten gehen zu dürfen. Den Einwand,
er sei mit vier Jahren noch zu klein, ließ er nicht gelten. Er wollte sein
Gesicht wieder sauber haben. Zu oft hatte ihm seine Tante erzählt, daß alle
kleinen Sünden den Kindern ins Gesicht geschrieben ständen und nur durch die
Buße nach der Beichte verschwinden würden.
Willy hatte viele Male in den
Spiegel gesehen und nie etwas bemerkt, doch seine Tante hatte ihm als Grund
gesagt, daß nur Vater, Mutter und Tanten das sehen würden. Naschen,
Ungehorsam, Lügen, Abendgebet vergessen, es kam schon eine Litanei an läßlichen
Sünden zusammen. Eines Tages hatte er seine Tante überzeugt, und der
Beichtunterricht begann. Er mußte eine Menge auswendig lernen, doch mit großem
Eifer und Fleiß bewältigte er diese Aufgabe. Den Samstag konnte er gar nicht
abwarten. Nachdem ihm genau beschrieben worden war, wo er den Prälaten Beelert
fand, denn nur zu dem wollte er, zog er los. Da sich unser Prälat bei den
Beichtenden größter Beliebtheit ob seiner geringen Buße, die er aufgab,
erfreute, war der Andrang dementsprechend groß. Bald war Willy an der Reihe,
und mancher mochte gedacht haben, watt döt den kleinen Kiärl up de Sünnerbank.
Willy ging in den Beichtstuhl, und schon begann er "Im Namen des Vaters und
des Sohnes und des Heiligen Geistes. Ich habe meine Möhne gegnesepetert, in de
Bedde gemechelt und genascht", was so viel hieß: "Ich habe meine
Tante geärgert, ins Bett gemacht und genascht. Das sind meine Sünden. Mehr weiß
ich nicht." Die Gardine im Beichtstuhl wurde zur Seite geschoben. Unser Prälat
guckte und fragte: "Wer bist Du denn?" Ich sagte: Willy Eichel von der
Krummen Straße." "So, wer hat Dich denn geschickt?" Ich sagte:
"Meine Tante Johanna." Darauf nickte er mit dem Kopf. "Wie alt
bist Du denn jetzt Williken?" Ich antwortete brav: "Vier Jahre, Herr
Prälat." Darauf sagte er zu mir: "Met viär Jaohrn hätt bichten noch
Tied." Eine Buße wurde mir nicht aufgegeben, und wie ich später einmal
erfuhr, soll er sie meiner Tante auferlegt haben.
Rund um Ludgeri
Die Sängerklause, Gasthof Eichel oder
Leppers in`n Hals, benannt nach dem kleinen Verbindungsweg zwischen Schützenstraße
und Promenade. Dieser Hals war für uns der ideale Fußballplatz und
Doppspielfläche. Nicht gern gesehen von den unmittelbaren Anliegern, die ihre
Gärten und das darin befindliche Obst in Gefahr sahen. Hier war der Treffpunkt
für alle Jungen und Mädchen, wenn es darum ging, für Lambertus zu sammeln
oder Kranzträger zu finden bei Beerdigungen. Zur damaligen Zeit ging die
Beerdigung noch vom Trauerhaus aus, in dem der Verstorbene aufgebahrt war, und
je nach der Menge der abgegebenen Kränze liefen vor dem Leichenwagen die
Kranzträger. Hierfür gab es je nach Trauerhaus fünfzig Pfennig bis eine Mark,
ein kleines Vermögen zur damaligen
Uns Kindern
waren die notwendigen Arbeiten zur Errichtung auferlegt, was da hieß, Blumen, Kübel,
Stofflaken anbringen, Altar vom Boden holen. Hier an diesem Altar hielt die
Prozession, und es war Gelegenheit für manchen Teilnehmer gegeben, eine der
Gaststätten, nämlich Vennekötter, Feldhaus oder Eichel aufzusuchen, die im
sogenannten Kneipendreieck lagen. Heute noch höre ich die Stimme meiner Mutter,
die dann einen von uns Jungens losschickte, zur Ludgeriikirche um nachzusehen, ob
sich die Prozession schon in Gang gesetzt hatte oder nicht. Je nachdem, mit
welchem Ergebnis wir wiederkamen, war es dann meine Mutter, die meine Tante maßregelte. "Johanna, wo bist Du allwiir: Wo löpst
Du herüm. Mak Dii doch feddig und bint Dii ne witte Schüörte üm. De kuemt
doch gliks all herin. Datt mot doch alles feddig siin"? Meine Mutter wusste
nur zu gut, daß bei den einzelnen Altarstationen, wie bereits erwähnt gehalten
wurde und somit dem ein oder anderen Teilnehmer Gelegenheit gegeben wurde,
schnell ein Glas Bier oder einen Korn zu trinken. Es war ein schönes Bild, wenn
unter dem Glockengeläut der Kirchen die Mädchen in ihren Kommunionkleidern mit
Blumen, die Jungen in Kieler Anzügen mit Torsten, sittsam und brav den Herrgott
auf seinem Gang durch die Pfarre begleiteten. Unser Lehrer Gerbracht, wir
nannten ihn Patachon, weil er eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem damaligen Schauspieler Patachon hatte, lief in der Prozessionsmitte und führte die
Aufsicht. Die Gesangvereine, die in unserem Saal regelmäßig probten, ob
Constancia, Sängerbund, Melodia, MM, Lokomotivführer oder Harmonia, sie alle
haben uns an ihren Übungsstunden in den Schlaf gesungen, zeigten ihr Können
auch selbstverständlich bei diesen Prozessionen. Aus einem dieser
Gesangvereine, nämlich Harmonia, ging die Studentenverbindung Saxonia hervor,
und der Gasthof Eichel war viele Jahre Verbindungshaus. Es ging schon gemütlich
zu, wenn in den Winterabenden am Kamin in der Altbierküche die alten Paohlbürger
saßen. Dann machten Geschichten die Runde, vom Düwel und vom Pater hinter der
Uhr im Dom. Das Feuer knisterte im Kamin, und mit den Funken sahen wir Kinder förmlich
die Gespenster durch den Kamin fliegen.
Es war eine schöne, eine gemütliche
Zeit, wenn mit den Abendglocken Ruhe einkehrte.Diese gemütliche schöne alte
Zeit wird nicht wieder kommen. Großmutter Hülswitt, die mit
dem Fortschreiten ihrer Krankheit vom Bauernhof an der Mecklenbecker Straße zur
Krummen Straße gezogen war und eins unserer Fremdenzimmer bewohnte, wurde
regelmäßig täglich vom Hof an der Mecklenbecker Straße mit frischer
Sahnemilch beliefert. Damit sie zum Abend besser schlafen konnte, gab nun meine
Mutter oder meine Tante jeweils in das Glas warme Milch einen Wachholder. Dieses
Getränk schien ihr ausgezeichnet zu bekommen, denn sie sagte jedes Mal, daß
sie voll durchschlafen würde und schrieb das diesem Wundermilchgetränk zu. Mit
dem Auflösen an der Mecklenbecker Straße wurden dann auch nach und nach die
Tiere,
in dem Hilfsbereitschaft und Güte großgeschriebenwerden, nimmt dieses mit fürs
Leben. Der wohl bekannteste Seelsorger der damaligen Zeit in Münster war der
alte Prälat Beelert aus Ludgeri, ein herzensguter, aufrichtiger Gottesmann. Viele seiner
Anekdoten machen heute noch die Runde. Sein Spitzname bei denen, die ihn gut
kannten, war "das schwatte stukke Döerken". Wer ihm diesen Namen gegeben hatte,
wusste keiner so recht. Hinter vorgehaltener Hand wurde meine Tante Johanna
damit in Verbindung gebracht. Unser Prälat, bei dem ich meinen ersten Beicht-
und Kommunionunterricht hatte, kann für sich in Anspruch nehmen, viel für die
Ärmsten der Armen getan zu haben. So sprach er immer wieder alle Gastwirte aus seiner Pfarre
an, einen Mittagstisch an Kinder aus bedürftigen Familien täglich
unentgeltlich abzugeben. Mitunter waren wir in unserer Gaststätte nicht selten
mit 6 oder 8 fremden Kindern zu Tisch. Eine Begebenheit ist mir noch besonders gut in
Erinnerung. Anlässlich eines Besuches unseres Prälaten bei meiner Mutter
entspann sich folgendes Gespräch: "Mein Gott, Prälat, allwiir unerweggens?"
"So ist`s, Frau Wirtin, immer upn Patt."
Der Maulbeerbaum
In der Mulde am Kanonengraben gleich
gegenüber an der Ecke Wehrstraße stand ein Haus, in dem ein alter, verknöcherter
Junggeselle allein mit seiner Haushälterin lebte. Ein alter Maulbeerbaum stand
in dieser Mulde am Kanonengraben. Früchte trug derselbe nicht mehr viel, aber er war ein vorzüglicher
Kletterbaum mit wunderbaren Sitzgelegenheiten für uns. Wie zu allen Zeiten
waren Kinder für einige Erwachsene das größte Übel und Störenfriede, die
verscheucht werden mußten, so auch hier, denn kaum hatten wir unseren
Stammplatz im Baum eingenommen, dauerte es nicht lange, bis der Promenadenwärter
auftauchte und versuchte, unserer habhaft zu werden. Hatte er einen, der nicht
schnell genug war, erwischt, wurde derjenige solange an den Ohren gezogen, bis
er die Namen aller anderen Baumbesteiger unter dieser Folter preisgab. Wie haben
wir uns gewundert, daß der genaue Zeitpunkt der Baumbesteigung immer so schnell
bekannt wurde, und wir schrieben den Aufsehern hellseherische Fähigkeiten zu,
bis zu dem Tag, als ein alter Stammgast unserer Gaststätte, nämlich der
bekannte Heimatmaler Emil Stratmann, wieder einmal bei uns war.
Diesem alleinstehenden Junggesellen, der mit Gott und der Welt nicht zufrieden
war. Dieser Rentier war an einem Tage, an dem Emil Stratmann den Kanonengraben
vom Standort des Maulbeerbaumes malte, gekommen, um ihm beim Malen zuzusehen. Er
wollte sich unterhalten. Bei diesem Gespräch war auch die Rede auf den
Maulbeerbaum gekommen, und er schimpfte fürchterlich über die Kinder, die in
diesen Baum stiegen, die überhaupt zu viel Lärm machten, die alle in
Besserungsanstalten müßten und noch mehr.
De Düwel bi Dahlmann
Von den alten Paohlbürgern, die ihren
Platz bei uns an der Theke und am Kamin hatten, konnte man sagen, daß sie täglich zur
gleichen Stunde kamen. Als Kinder hörten wir an der Sprache unserer Mutter, ob
ein Bekannter oder ein Fremder in unsere Gaststätte kam. Hörten wir sie sagen:
"Watt draft siin, kuerten un`n Beer?", dann war das ein Bekannter. Bei
Fremden hieß es: "Guten Tag, was darf es sein? Ein Gläschen Bier und ein
Wacholder?". Wie gesagt, pünktlich um 10 Uhr jeden Morgen waren sie da,
der Bettenhändler Powiton, der Klempner Greßhake, der Elektriker Heikes, der
Schlossermeister Böhmer und der Zigarrenfabrikant Clemens Wahl, ein Mann, der fünf
angestellte Frauen in seinem Betrieb hatte, die mit der Hand eine gute teure
Zigarre drehten. Er machte meiner Tante Johanna jahrelang den Hof und wollte sie
heiraten, doch er wurde von ihr nicht erhört. So oft und eindringlich, meine
Mutter als ihre Schwester ihr auch zuredete, seinen Heiratsantrag anzunehmen,
sie hatte keinen Erfolg. Streng gläubig wie sie war, wull se von Hairot nix
wierten. Und wenn einer unserer ledigen Stammgäste, wenn es mal sehr lustig
wurde von dem Verlangen sprach, einmal an ihren wunderbaren Busen ruhen zu
dürfen, lief sie sich bekreuzigend rufend :"De Düwel sall mi halen ,de
Düwel sall mi halen" in die Küche. Hier hielt sie sich dann solange auf
bis ihr von den anwesenden versprochen wurde, dieses ungebührliche ansinnen am
Sonntag zu beichten. Diese alten Stammgäste waren es
auch, die jeden Abend, ab Herbst in den Winter, Glockenschlag sieben Uhr, rund um
unser Feuer im alten
Kamin saßen, hier hatten schon die bekannten Heimatdichter, Prof.Dr. Hermann
Landois( Zoogründer) ,Augustin Wibbelt
und Hermann Löns an ihren Heimatromanen geschrieben.
Jetzt machten die tollsten Spukgeschichten die
Runde .Für
uns als Kinder einmalig und während unser Kindermädchen uns zu Bett brachte,
wurde überlegt, wie wir am schnellsten wieder nach unten an den Kamin kommen
konnten. Im Nachtpolter hockten wir zwischen den erwähnten Kamingästen,
machten uns ganz klein und hörten zu. So wußte Christian Böhmer eines Tages
zu berichten, daß bei Dahlmann an der Mecklenbecker Straße der Teufel im Haus
sei. Zur Vorgeschichte sei gesagt, daß ein Knecht der Gärtnerei Dahlmann
nachts einen Passanten erschlagen und ausgeraubt haben sollte. Er versteckte sich
vor den Polizisten im Haus und war dort verhaftet worden. Sofort fing das Fragen
an: "Aber, was hat das mit Dahlmann zu tun?" Nun, die hatten sich bei
der Einstellung nicht genug über den Mann erkundigt. Zur Kirche ging er nicht,
und überhaupt soll er Freimaurer und sonst was gewesen sein. Auf die Frage, was
nun sei, wußte man zu berichten, der Pastor von Lamberti, denn Mecklenbeck gehörte
zur Lambertipfarre, sei bereits unterrichtet und wolle mit großen kirchlichen
Aufgebot die Angelegenheit ins Reine bringen. So warteten wir auf die
Fortsetzung dieses Dramas, und in dieser Nacht hatten wir einen schlechten
Schlaf. Überall sahen wir einen großen schwarzen Hund mit Feuer im Maul, denn so war uns der
Teufel beschrieben worden. Die Tage zogen sich dahin, und wir konnten den
Fortgang der Geschichte kaum abwarten. Fleißig war Holz für den Kamin
gestapelt worden, und eines abends waren sie wieder da, die Runde am Kamin
besetzt. Meine Mutter rief von der Theke rüber: "Johanna, de Blagen müet
in`t Bedde". Ab ging’s nach oben. Kaum gewaschen, schnell das Nachthemd
über, und schon waren wir wieder unten. Unsere schlimmsten Befürchtungen
wurden übertroffen, als wir hörten, was sich zugetragen hatte. Der Pastor von
Lamberti war mit seinen beiden Messdienern und dem Weihwasserkessel in der Hand
in das Haus gegangen, hatte alle Räume gesegnet und war zuguterletzt auch in
die Wohnstube gekommen. Jetzt sah er den Teufel in Gestalt eines großen
schwarzen Hundes, der Feuer aus dem Maul stieß, neben dem Kamin sitzen.
Zeitweise sei der Pastor und die Messdiener ganz in Flammen gehüllt gewesen.
Der Weihwasserkessel soll glühend geworden sein und hatte dem Pastor die Hand
verbrannt. Fluchtartig hatten alle das Haus verlassen, wobei sich einer der
Messdiener noch das Bein brach. Nicht für Geld und gute Worte würden sie noch
einmal in das Haus gehen, hatten sie im Anschluss gesagt. Es sei furchtbar
gewesen. Wie sollte es weitergehen? Und plötzlich kam meiner Tante die Idee,
der Pater hinter der Uhr musste dahin. Er, der schwerste Sünden vergeben konnte
und seinen Beichtstuhl im Dom hinter der Uhr hatte, war der einzig Richtige, um
die Angelegenheit zu erledigen. Clemens Wahl hatte es übernommen, den alten
Dahlmann darauf hinzuweisen, kaufte er doch ständig von ihm seine
handgefertigten Zigarren. Wir waren alle gespannt, was jetzt werden würde, und
dann war es ein Gast, der kam und an der Theke zum besten gab, das Haus Dahlmann
sei wieder teufelsfrei. Was war passiert? Christian Böhmer hatte die
Information aus erster Hand und würde sie am Kamin zum besten geben. Wen
wundert es, wenn keiner dieser Kaminrunde die Zeit abwarten konnte. Sie saßen
schon einige Zeit in erwartungsvoller Runde, im Kamin brannte das Feuer und ein leichter Schauer
ging allen über den Rücken, besonders uns Kindern, die wir diesmal länger
aufbleiben durften, weil wir inständig gebettelt hatten. Wie lauschten wir
seinen Worten, hingen ihm an den Lippen, als er uns mitteilte, daß vor einigen
Tagen um die zwölfte Stunde nachts der Pater hinter der Uhr gekommen sei.
Kurzerhand ging er in das Haus zum besagten Kaminzimmer und hatte den Teufel
auch alsbald als den großen schwarzen Hund ausgemacht. Feuerspeiend sei dieser ihm
entgegengestürmt, doch der Pater hatte seinen Rosenkranz genommen und mit den
Worten: "Satan, weiche, Satan, weiche!" auf ihn eingeschlagen, daß er
laut winselnd mit ungeheurem Schwefelgestank durch den Kamin fluchtartig das
Haus verlassen habe. Das Haus selbst aber, so wurde gesagt, soll noch einige
Tage danach furchtbar nach Schwefel gestunken haben.
Sophia Lepper - Eichel
Herrlich waren auch die Geschichten, die sich
um meine Großmutter rankten. So wird sie auch in dem von Professor Landois
geschriebenen Büchern : "Franz Essink, bii liärv Tieden" -„ Franz
kümp in Himmel“ - und von dem Heimatdichter Augustin Wibbelt in „Schulte
Witte“ mehrere Male erwähnt. Einige davon will ich hier wiedergeben. Überliefert
wurden sie mir von meiner Mutter, und ich konnte mich an diesen Geschichten
nicht Satthören.Bei meiner Oma Lepper-Eichel habe ich bis zu ihrem Tode 1928 so
manche Nacht geschlafen.
Ich war ihr Lieblingsjunge und warscheinlich habe ich alles was mit meiner
Fröhlichkeit und Güte zu tun hat, von ihren Genen .4 Kinder hatte Sie
geboren,4 Söhne die alle ihren Weg gemacht haben.Der älteste Heinrich Theodor
wurde Prokurist an der Reichsbank, der zweite Franz Hermann war
Dr.jur.Rechtsanwalt und Notar,Clemens Wilhelm wurde Prof.Dr. med.und mein Vater
war Koch und Konditormeister und hatte die besten Voraussetzungen den
elterlichen Betrieb zu übernehmen. Ich kann mich noch gut an
sie erinnern. Schlagfertig und mit westfälischen Humor gepaart wird von ihr in
den vielen Büchern von Prof. Landois und Augustin Wibbelt gesprochen. So kam eines morgens der Kupferschmied Franz Essink von der
Rothenburg, der Stammgast bei Lepper`s war, um mit Landois und einigen anderen
Bekannten zu kegeln. Frau Lepper, die ihm ansah, daß er nicht gut zurecht war,
fragte nach der Ursache und musste hören, er habe noch nicht gefrühstückt und
sei hungrig. Mit einem Augenschlag: "Do kann ikk wull helpen, dat will ikk
wull maken, ging sie in die Küche und kam nach kurzer Zeit wieder, einen Teller
in der Hand, auf dem eine große Scheibe selbstgebackenen Bauernstuten lag,
bedeckt mit wunderschönem rohen Schinken, der über den Tellerrand hing und in
der Mitte als Verzierung zwei Spiegeleier, die das Bild abrundeten. Am
Nebentisch saß der Junglehrer von St.Ludgeri, dem beim Anblick dieses
Schinkenbrotes das Wasser im Munde zusammenlief. Er fragte: "Frau Wirtin, könnte
ich auch wohl so`n herrliches schönes Schnittchen bekommen?", worauf sie
ihn fragte: "Sind se verhiiraot?", und er antwortete: "
sicherdoch Frau Wirtin". So sag se:“ dann gaot men no Hus und laot sikk
dat von oere Frau maken." Damit ging sie weg. Essink, der gegessen hatte,
wollte nun mit Landois und Bomberg kegeln und fragte: "Wu iss nu mett kiärgeln?" De
Lepper`sche antwortete: "Dat geiht nich, de Studenten sind up de Baohn."
Essink frogg: "Wo iss Lepper?", und die Lepper sche sag in
Braukeller, ging in den
Braukeller, um ihren Mann zu holen und rief: "Jans, wo bist Du?", und
er rief zurück: "Im Braukeller", und sie fragte wieder: "Watt mäkst
Du denn do?". Er antwortete: "Nix", und sie fragte wieder:
"Wo is Franz denn?", und er wieder: "De helpt mi". Dann hörte
er sich an, was Essink wollte und sagte: "Augenschlag," ging weg und
kam nach kurzer Zeit zurück mit dem Ergebnis: "Ji küernt kiärgeln. Ikk hävt
öer dör de Blome to verstoahn giäben, datt se uphöern mössen." Essink
fragte: "Wieso dör de Blome?", und Lepper segg: "Ikk häv öer
de Bälle wegnuohm".
Die Appeltiewen
In den Ferien war das Schönste für mich,
mit meiner Tante über den Wochenmarkt zu schlendern. Mittwochs und samstags
holte sie sich schon ganz früh das frischeste Gemüse und die dazugehörigen Kräuter.
Die beste Ware hatte nach ihrer Meinung eine Appeltiewe mit Namen Bertelmann aus
Ladbergen. In manchen Büchern, die ich gelesen habe, werden die Obstverkäuferinnen,
die nach dem Krieg unter dem Bogen standen, fälschlicherweise als Appeltiewen
betitelt. Diese waren reine Obsthändler, die ihre Erzeugnisse vom ansässigen
Großhandel holten und verkauften. Eine Appeltiewe war die Frau eines
sogenannten Prumenkötters, ein kleiner Kötter, der im niederen Dienst bei der
Bahn oder Post tätig war. Die Frau versorgte während der Arbeit des Mannes das
Haus, das Vieh und den Garten, und gemeinsam wurden nach Feierabend des Mannes
die sonstigen Verrichtungen gemacht. Während der Mann seinen Dienst bei Bahn
oder Post verrichtete, ging seine Frau mittwochs oder samstags zum Wochenmarkt,
um die Erzeugnisse aus Kötterei und Hausgarten anzubieten. Hierbei waren
Pflaumen, Birnen, Äpfel ,Beerenobst sowie Gemüse, Sellerie, Porree und Heilkräuter
vorrangig, aber auch eine Ente und ein Huhn sowie Eier und Butter und Blumen waren in ihrem
Angebot.
Auf
diesen Zuverdienst waren sie aber auch angewiesen. Die bei der Bahn und Post tätigen Männer sprachen dem Alkohol sehr oft
und reichlich zu, daher hieß es im Volksmund: wenn bei einem Bauern ein Kalb geboren wurde,
was die Muttermilch verweigerte, dann "sett em es ne Bahn- or Postmüske
upp, dann salt wull supen". Meine Tante schwor z. B. auf die Kamille und
Pfefferminz von Frau Bertelmann, und ihr getrockneter Sortiment Heilpflanzen
aufgebrüht gegen Rheuma war, wie sie sagte,unerreicht. In regelmäßigen Abständen
musste ich zu ihr. Sie hatte ihren Stand in Höhe der Lambertikirche vor dem
Schuhhaus Zumnorde.
Eine der schönsten Geschichten um die Appeltiewe Sombeck mit ihren Standplatz vor dem Rathaus hatt sich wie folgt zugetragen. Der Samstägliche Markt war zu Ende und Frau Sombeck die ihre Kötterei in Kinderhaus hatte, ging über den Domplatz, über den Spiegelturm Richtung Grevenerstrasse, mit den nicht verkauften Resten ihrer Erzeugnisse im Korb . In Höhe des Spiegelturm brach plötzlich mit Urgewalt ein Sommergewitter herein. Sie schlug sich das lange schwarze Kleid von hinten über den Kopf um sich vor dem Regen zu schützen . Da man zur damaligen Zeit bei den Frauen wegen der langen schwarzen Kleider im Sommer gerne auf das tragen einer Hose verzichtete, war ihr Hinterteil bloßgestellt, was zwei hinter Ihr gehende Studenten veranlasste zu bemerken:" Mütterken , Mütterken man kann ja dinen blauden Ächtern sain. Worauf sie antwortete "Kiekt men , Kiekt men, wat jii do achten sait, dat is 70 Jaohre aolt, aower min Hood de is nii.
Die Kiepenkerle
Ebenso war in den Ferien jeder Samstag
ein kleiner Festvormittag, denn jetzt standen wir in Erwartung auf unseren
Kiepenkerl Jellentrup, der uns samstags morgens immer Eier und Butter brachte.
Die Butter war in großen Paketen, ähnlich einem Kassler Brot und im Gewicht
unterschiedlich schwer. Samstag für Samstag spielte sich das gleiche Ritual ab
zwischen meiner Tante Johanna und dem Bauern Jellentrup.
Beim Betreten unseres
Lokals rief sie schon von weitem: "Ach Jellentrup du allwiir, ikk bruk nix,
ikk bruk nix, ikk bruk nix". Das hatte einzig und allein den Grund, ihm
schon bekannt zu geben: Komm mir nicht mit zu teuren Eier- und Butterpreisen.
Jellentrup, der sich aber gar nicht beirren ließ, kam dann durch bis zum
Stammtisch an der Theke. Hier nahm er seine Kiepe ab, setzte sich hin und sagte:
"Fräulein Hülswitt, dot`s mii men een Kuorten un een Beer." Meine
Tante Johanna legte allergrößten Wert darauf, mit Frollein angesprochen zu
werden. Sie wollte nicht heiraten und war auch nie verheiratet. Während
Jellentrup sein Schnäpsken getrunken hatte, ging er an seine Kiepe und gab uns
Kindern jeder ein Ei. Wie liefen wir glücklich mit dem Ei gleich zur Küche, um
dieses zu verstecken, währenddessen meine Tante vorne mit ihm das Handelsgespräch
begann. "Jellentrup, watt kost de Eier van Dage?" "Jew, Frollein
Hülswitt, fiev Pennig." "Jellentrup, Du biss nich wiis. Dao wass giästern
een bii mii, de har mii veer Pennig seggt, und de Eier wassen dubbelt so dick es
diine." Jellentrup sagte dann: "Datt kann nich siin, Frollein Hülswitt,
so graute Höhner givt gar nicht. Wenn de sökke Eier leggen deien, bess ör de
Äs." Dann ging`s weiter: "Jellentrup, watt kost de Buoter?"
"Ja, watt kost de Buoter, für düssen Weggen mok twee Mark füfftig
hem", worauf meine Tante zeterte: "Jellentrup, Du biss nich wiis,
sesstig Pennige kost en Pund guode Buoter int Geschäft." Datt kann doch
wull nich siin." Jellentrup sagte wieder: "Hall dii es nen Liärpel un
probeer es." Meinte Tante Johanna brauchte gar nicht zur Küche gehen, den
Löffel hatte sie schon vorher in der Tasche. Dazwischen sagte sie dann wieder:
"Jellentrup, wenn Du Eier verkaupen wuss, moss Du dii watt infallen loaten."
Inzwischen hatte Jellentrup seine vier, fünf Butterpakete auf den Tisch gelegt
und das Pergamentpapier vorne geöffnet, so daß meine Tante mit dem Löffel
probieren konnte. Die Butter war zur damaligen Zeit wie schon erwähnt in großen Pakten, gleich
einem Kasslerbrot, in der Form gepackt. Sie strich sich dann vorne ein Pröbchen
ab und sagte nach einer Weile: "Nee Jellentrup, de nich und de auk nich.
Ja, de dat gait un de auk, aower, de annern pakk men wiir in." So war für
mich damals schon das alles ein großes Rätsel. Aus ihren Erzählungen wußte
ich, daß dieser Jellentrup nur eine Kuh hatte, die Butter also von einer Kuh
war. Woher meine Tante nun die Unterschiede schmeckte, weiß ich bis heute
nicht. Das Ganze hatte nur den Grund, zu handeln. Jellentrup war inzwischen mit
seinen Eiern auf vier Pfennig gegangen und hatte noch einen Schnaps bestellt.
Jetzt entschloss sich meine Tante, ihm die erste Bestellung aufzugeben auf fünfzig
Eier. Während er nach einer Weile fragte: "Frollein Hülswitt, wo ist, niärm
je de beiden Weggen Buoter?", sagte sie: "Ikk mott üöwerleggen, ob
ikk se ut'n Laden hale, off datt billiger iss or ob ikk de Buoter von you kaupe."
Jellentrup, der nun langsam weiter wollte zum Nächsten, sagte kurzentschlossen:
"Viev Mark för beide Weggen", worauf meine Tante zuschlug und sagte:
"Affmakt". Während der Bauer Jellentrup einpackte, holte meine Tante
das Geld, legte es ihm auf den Tisch und sagte: "Füfftig Eier mett veer
Pennig do to." Er fragte: "Watt mott ikk betalen?", worauf meine
Tante dann sagte: "Niks, iss alls betalt." So schieden Beide bis zum nächsten
Samstag. Jeder für sich hatte sein Geschäft gemacht.
Die doppelte
Buchführung meines Bruder`s
Das auch schon zur damaligen Zeit Geld für uns sehr wichtig war dürfte einleuchten So wurde nach allen Möglichkeiten Ausschau gehalten wo auf leichte Weise unser Taschengeld aufgebessert werden konnte. Nur waren die Pfennigbeträge bei uns früher, mit den heutigen Honoraren nicht zu vergleichen .Von meiner Mutter bekamen wir für die verschiedenen Arbeiten im Haus meistens 5 Pfennig wenn es hoch kam mal einen Groschen. Dafür gab es entweder eine kleine oder große Dose Salmiakpastillen, die wir dann auf den Handrücken als Stern klebten. Aber auch für die Sonntagsfilme im Capitol mit "Pat und Patachon" oder "Dick und Doof" oder andere war Geld nötig. So war es bei Beerdigungen eine willkommene Sache wenn Kränze getragen werden durften .Hier gab es dann von 30 bis 50 Pfennig ja manchmal sogar eine Mark, eine ganz fürstliche Bezahlung. Da aber damals schon, Laubsägearbeiten und Basteln ein Hobby von mir war, hatte ich im Gegensatz zu meinem Bruder immer Ebbe . Da er auch noch bei "Hegemann im kleinen Schützenhof" Kegeln aufsetzte war er ein "Vermögender Mann". So war er auch in der Lage Geld an uns zu verleihen . Wenn wir also 30 Pfennige für Kino liehen mussten wir 50 Pfennige zurückgeben . So kam eines Tages meine Schwester Trude und fragte mich nach meinem derzeitigen Kontostand bei meinem Bruder der mit 50 Pfennige zu Buch stand. Bei meiner Schwester war die Lage anders, sie war mit fast 2 Mark bei ihm in der Kreide. Da wir wussten das mein Bruder jeden Darlehensvorgang in eine Schulkladde mit Datum und Ort eintrug, beschlossen wir dieses Buch zu suchen und zu vernichten . Wir wollten unsere Suche schon erfolglos abbrechen als uns sein Schultornister in die Hand viel. Hier war es das Buch des Schreckens welches jetzt von uns vernichtet wurde. Erleichtert, mit schlechtem Gewissen war uns aber klar wir hatten keine Schulden mehr. Einige Zeit später hatte er das Fehlen seines Hauptbuches bemerkt und alle im Haus mußten sich einer Befragung nach seinem verschwundenen Buch stellen. An einem Sonntag als wir alle zu Tisch saßen sagte er nur das alle die sich schon gefreut hätten ihm kein Geld mehr zu schulden angeschmiert wären. Voller Triumph hielt er ein Heft hoch und sagte: "Ich habe nämlich noch ein Heft worin alles steht.
Frühling, Sommer, Herbst und Winter
Das alte Ludgeriviertel mit seinen Gassen, Höfen
und Durchgängen war für uns auch der ideale Platz zum Spielen. Hier kannten
wir jeden Winkel, doch mit dem Beginn der großen Ferien veränderte sich der
gesamte Tageablauf. Stand sonst Dopspielen, Räuber und Gendarm, Versteck und
Rollschuhlaufen auf dem Programm, war es jetzt Windvogel, Fußball Völkerball
und Brennball spielen. Manchmal wurde dieses Spiel durch das Eintreffen des
Lumpensammlers unterbrochen. Seine Ankunft kündigte er schon weit vorher mit
dem Flötenspiel an. Er hatte hierbei eine ganz bestimmte Melodienfolge, die
sich im Rhythmus immer wiederholte. Die schönsten Kleinigkeiten hatte er bei
sich, mit denen wir für Lumpen, Papier und Alteisen belohnt wurden.
Eine schöne Sache war es auch wenn wir bei unserem Onkel Phillip und Onkel
August Löckener zum spielen kommen durften. Die beiden betrieben eine große Gärtnerei
mit landwirtschaftlichem Betrieb .Das große Gelände welches sich
bis zur Weselerstrasse erstreckte war ein Idealer
Spielplatz. Als Stadtkinder zwischen Hühner ,Enten und Gänsen und dem anderen
Vieh rum zu laufen war
Ideal. Auch die vielen Obstbäume waren besonders zur Obstreife ein begehrtes
Objekt .
Die Fizebohnenstangen gaben wunderbare Speere ab. An einem Tag war das Indianerspielen
aber zu langweilig und wir hatten den Kuhstall und die vielen Schweine ins
Visier genommen. Neben dem Schweinepferch stand der große Sandsteintrog der
immer mit Futter für die Schweine gefüllt war. Wir
beschlossen die Schweine alle zu taufen .Der Schöpfeimer der Einladend in dem
Trog lag war bald gefüllt und das erste Schwein erhielt seine Taufe.Als wir das
letzte der Schweine getauft hatten stellten wir fest, daß alle getauften
Schweine eine zartrosa Färbung angenommen hatten. Uns war gar nicht wohl bei
dieser Feststellung und wir verabschiedeten uns schnell französisch . Tags
darauf hörten wir unsere Mutter mit meiner Tante darüber reden das bei
Löckener wahrscheinlich Schweinerotlauf eingetreten sei. Der Tierarzt
hatte dann aber am anderen Tag die Sache richtig gestellt . Es war der rote
Beetesaft der der diese Färbung verursacht hatte.Hier versuchten wir auch
unsere erste Zigarette zu rauchen, die auf unserem Saal nach einer Veranstaltung
immer mal wieder liegenblieben. Indianergerecht hatten wir die
Tonpfeifen von unseren Stutenkerlen gestopft und schon bald ging der eine nach
dem anderen nach draußen und konnte nicht schnell genug in die Runkeln kommen
.Einmal und nicht wieder . Richtig
heimelig wurde es dann gegen Ende der großen Ferien. Dann liefen die
Vorbereitungen auf Lambertus an. Mir oblag es, die Pyramide zu bauen, das
Spargelgrün von unserem Onkel Philipp und Onkel August Löckener, zu holen und die Pyramide damit zu schmücken.
Fackeln
wurden angebracht, und es war schon eine Pracht, wenn man sie stehen sah. Da ich
mich der größten Beliebtheit bei unseren Mädchen erfreute, oblag es mir auch,
sie zum Sammeln von Geld für Lambertus zu gewinnen, denn wir hatten eine
Feststellung gemacht, daß die Passanten bei Mädchen weit gebewilliger als bei
Jungen waren. Bald schon waren sie unterwegs, und man hörte ihr: "Onkel,
hast Du wohl einen Pfennig für Lambertus?" und immer wieder das Gleiche:
"Onkel, hast Du wohl einen Pfennig für Lambertus?" Für das so
gesammelte Geld wurde dann bei Gillen auf der Königstraße Larternen und
Feuerwerk gekauft. War das immer eine Freude und wenn während der Spiele die
bengalischen Streichhölzer in rot, grün und weiß abbrannten, und als Höhepunkt
das "Oh, Buuer, watt kost`diin Hai?" erklang, war der Herbst endgültig
da. Die Tage wurden kürzer. Es war bei Einsetzen der Dunkelheit schon kalt. Die
Vorboten auf den Winter ritten mit den Stürmen in unser Altludgerii . Jetzt
galt es, Spiele zu suchen, bei denen es einem warm wurde. An erster stelle
stand: Laternen ausmachen, dann blinde Mäuse jagen, ein Riesenspaß; man mußte
nur schnell sein, aber das waren wir. Sehr beliebt war es auch am Kriegerdenkmal
- Kanonengraben die Liebespärchen zu ärgern. Zu diesem Zweck wurden von uns
zwei Gruppen gebildet. Eine Leuchtgruppe, die die Pärchen auf den Bänken mit
starken Taschenlampen anleuchteten . Die Soldaten, denn es waren ausschließlich
Soldaten, die mit ihren Freundinnen die Bänke belegten, wurden damit immer
geärgert. Eine Gruppe von uns stand hinter dem Denkmal und lockte die
aufgebrachten Soldaten in unsere Richtung auf den Rodelberg zu . Was wir, aber
nicht die Soldaten wussten, oben war rund um die Mulde eine Abgrenzung in
ca.20,cm Höhe angebracht. In der Dunkelheit wurde diese Abgrenzung immer übersehen .
Bei der Verfolgung durch die Soldaten wurde diese jedoch von Ihnen nicht bemerkt, so das sie
stolperten und den ganzen Rodelberg herunter kugelten. Für uns ein Mordsspaß. Der einsetzende Winter, der jedes Jahr pünktlich
mit dem ersten Frost da war, ließ uns auf gute Eisverhältnisse hoffen. Der
Kanonengraben war hier unsere beliebteste Eislauffläche. Jetzt wurde Eishockey
gespielt oder eine lange Schlinderbahn gebaut, und war zu allem Guten noch
Schnee gefallen, war das Glück komplett. Mit Nikolaus am 6.Dezember lag immer
Schnee, dann konnte in der Promenadenmulde auch noch gerodelt werden. Wie im
Fluge vergingen die Stunden, und beim Nachhausegehen strahlten mit goldgelbem
Schein die Gaslaternen auf den Schnee und Flockenteppich, der leuchtete wie
tausend und abertausend glitzernde Sterne. Die Glocken, die von Ludgeri, Äegidii,
dem Dom und Lamberti mit warmen Ton die Luft durchwanderten, erfüllten uns mit
einem Gefühl der Geborgenheit und Ruhe, und unsere Gedanken waren schon bei
unserem warmen Zimmer, beim
Nikolaus und Knecht Ruprecht .
Der verschwundene Nikolaus
Jedes Jahr, wenn es auf den 6. Dezember
zuging, wenn morgens Frost und Schnee den Boden bedeckten, wusste ich, bald war
es wieder so weit, daß unser Lokal im vorderen Teil mit einer wunderschönen
Weihnachtsdekoration geschmückt wurde, mit vielen Lichtern, besonders gemütlich
war es immer in der Altbierküche am Kamin in der ebenfalls ein großer
Weihnachtsbaum und eine große Krippe stand. Aber auch unser großer
Saal erstrahlte dann im festlichen Glanz. Ein 5 mtr. hoher Weihnachtsbaum mit
einem unwahrscheinlich schönen bunten Glasschmuck war das Prunkstück. Dann kamen auch bald die verschiedenen
Gesangs- und anderen Vereine und feierten in unserem Saal den Besuch des
Heiligen Nikolaus und Knecht Ruprecht mit einer großen Weihnachtsfeier. Wir als Kinder waren zu all den Festen
eingeladen, und für uns war es besonders schön, denn jedes Mal gab es ein
Spielzeug mit einer großen Tüte. Einmal hatte meine Mutter dem Heiligen
Nikolaus wohl das ein oder andere von uns berichtet, mit dem Ergebnis, daß wir
bei einer Feier die Rute vom Ruprecht zu spüren bekamen. Während ich ergeben
die Tortur über mich ergehen ließ, war mein Bruder Franz sofort in Rage. Er
stellte den Nikolaus bloß und schrie in den Saal: "Du bist ja gar kein
richtiger Nikolaus. Du hast ja Deinen Anzug oben in Zimmer sieben." Fluchtartig
verließ er daraufhin den Saal, um nicht einmal seine Tüte und das Spielzeug
mitzunehmen. Während der ganzen Tage der folgenden Woche sprach er nur von
einem Thema, daß er es dem Nikolaus schon heimzahlen würde. Er dächte sich
noch etwas aus. Und wieder einmal stand zum Wochenende eine Weihnachtsfeier an.
Unser Christbaum erstrahlte im Lichterglanz in der Altbierküche am Kamin und
die beiden Hauptverantwortlichen dieser Gesellschaft besprachen die letzten
Einzelheiten mit Nikolaus und Ruprecht oben auf einem der Fremdenzimmer, welches
meine Mutter für diese Zwecke zur Verfügung gestellt hatte. Mein Bruder, der
in der ganzen Zeit oben durch das Schlüsselloch alles beobachtet hatte, kam plötzlich
angelaufen und sagte: "Jetzt kommen sie!" Es wurde schon das
Nikolauslied gesungen, und während einige Nachzügler noch in den Saal wollten,
Nikolaus und Ruprecht aber bereits die Treppe von oben passiert hatten, blieb
ihnen als einziger Ausweg, um nicht gesehen zu werden, für Beide der Sprung in
den Keller, der neben dem Saalaufgang lag. Das war das Zeichen für meinen
Bruder Franz. Sein Herz schrie nach Rache, und mit seinen acht Jahren gab es nur
eins, rann an die Kellertür, einschließen und mit dem Schlüssel nach oben. Während
wir Beide nun oben auf der Treppe saßen, hörten wir vom Saal her inbrünstig
singen: "Nikolaus, komm in unser Haus." Alles wartete ja auf den
heiligen Mann. Aus dem Saal kam einer und rief: "Nikolaus, wo biste?"
Nichts rührte sich. Das Singen wurde lauter, die Verantwortlichen nervöser.
Wir mussten schnell von der Treppe verschwinden, da jemand nach oben aufs Zimmer
wollte, um nachzusehen, ob die Beiden eventuell noch dort waren. Aber nichts,
keine Spur. Ich habe in meinem späteren Leben das Lied "Nikolaus, komm in
unser Haus" nie wieder so oft und so lange singen hören. Dumpfes Pochen
machte sich vernehmlich, und endlich hörte man jemanden sagen: "Die sitzen
ja hier im Keller. Dann schließ offen", ging es. "Geht doch nicht. Es
ist kein Schlüssel da. Verdammt, die haben sich selber eingeschlossen,"
rief man durch die Tür. "Nein!" Nach langem Hin und Her wurde die Tür
aufgebrochen. Der Heilige Nikolaus kam leicht lädiert hervor. Im Schlepptau
hatte er den Ruprecht, der immer wieder murmelte: "Ich hab`gehört, wie
einer den Schlüssel umgedreht hat. Am darauffolgenden Tag war plötzlich der
Schlüssel wieder in der Tür zum Keller. Wo er gewesen war, wussten nur mein
Bruder und ich.
Wenn die Zeit der
Nikolausfeiern
begann, die Weihnachtsbäume mit einer großen Menge Tannengrün geholt war
wurde das Lokal bis in die Altbierküche in einen wunderschönen
Tannenwald verwandelt, in dem die vielen eingebrachten Lichter wie Sterne
funkelten. Ich habe dieses schöne Bild heute noch vor Augen und aus der
Erinnerung heraus an damals, habe ich die große Krippe die seinerzeit von
unsrem Nachbarn dem Holzbildhauer Josef Heckmann gemacht war, heute nach 70
Jahren nachgebaut .
Das
Weihnachtsfest warf seine Schatten voraus, und mit dem Näherkommen des 25.
Dezember machte sich im Haus eine große Nervosität bemerkbar. Überlegungen
wurden angestellt, war man immer der gewesen, den die Mutter sich gewünscht
hat. Es nutzte aber auch wenig unsere Mutter zu fragen ob das Christkind
wenigstens einen Teil der Wünsche erfüllen würde , Sie antwortete immer damit
:" Das Christkind hat alles aufgeschrieben" . Die
Erlösung kam dann am Heiligen Abend. Die letzten Gäste gingen um 16
Uhr. Es wurde Zeit für die Geschenke, den Weihnachtsbaum der seinen Stammplatz
neben dem Kamin hatte, strahlte ein Licht aus, dass heute besonders Festlich
war. Wir mussten auf unsere Zimmer, und dann kam nach unwahrscheinlich langem
Warten für uns, das Bimmeln der kleinen Glocke,
auf das wir schon lange ungeduldig gewartet hatten. Wie stürzten wir jedes Jahr
die Treppen herunter, um als Erster die Geschenke zu bewundern. War der
Wunschzettel auch Komplett ? Ich habe keine Weihnacht erlebt, an der meine
Mutter und meine Tante Johanna es nicht möglich gemacht hat, uns das zu schenken, was wir uns gewünscht
hatten.
Überhaupt hatten wir eine Mutter, die als Ww. einem großen Gasthof mit
Altbierbrauerei, Saalbetrieb und 15 Fremdenzimmern vorstand und diese mitunter
schwierige Aufgabe immer mit Bravour gemeistert hat. Zum ihrem Schutz hatte sie
zwei abgerichtete große Schäferhunde die Abends wenn meine Mutter die Theke
machte in einer Nische hinter der Theke lagen. Nie habe ich erlebt das in
unserer Gaststätte einmal eine miese Stimmung gewesen wäre . Es war ein fröhliches
Haus, zu dem vor allem meine Tante Johanna viel beitrug .
Schulzeit, Lehre und Soldatenzeit
"Du gais nomol es giärn wiir in de Schoole". An diese Worte meiner Mutter habe ich in späteren Jahren oft denken müssen.
Im Nachhinein muß ich sagen, habe ich keine unbeschwertere Zeit gehabt, als
diese sie war. Die Butterbrote waren morgens von meiner Tante gemacht. Obst lag
immer dabei, und der obligatorische Kaba-Groschen fehlte auch nicht. Der
Schulunterricht begann mit dem Besuch des Gottesdienstes um 7.30 Uhr täglich.
Danach waren wir bei unserem geliebten Lehrer Gerbracht, genannt Patachon, in
der Klasse. Ich hatte von Anfang an ihn, diesen Lehrer, in mein Herz
geschlossen, was wahrscheinlich auf Gegenliebe gestoßen war.
Jeden Morgen mußte ich ihm kurz vor der großen Pause um 10.00 Uhr die
Pfeife aus dem Beutel holen, sauber machen, neu stopfen, und mit einem
Streichholz in der Hand wartete ich auf das Läuten der großen Handglocke, um
ihm dann seine geliebte Pfeife anzuzünden. Während der kalten Jahreszeit und,
wenn der Kanonenofen brannte, stand ich mit einem Fidibus bereit. Noch heute höre
ich immer sein: "Willy, meine Mutz!" Das war für mich das Zeichen, daß
es kurz vor der großen Pause war, denn vorher hatte er auf seine Taschenuhr
gesehen. Unvergessen war auch jener Tag, an dem einer meiner Klassenkameraden
beim Abgeben seines Aufsatzheftes ein Stück Karbid in das Tintenfass seines
Pultes schmuggelte. Während nacheinander alle Schülerinnen und Schüler ihre
Hefte nach vorn brachten, traten die ersten blauen Blasen langsam an der
Vorderkante des Pultes hervor.
Er musste irgendwie gemerkt haben, daß eine
gewisse Unruhe in der Klasse war, doch ohne weiter nachzudenken und ohne richtig
hinzusehen, nahm er den Korken des Tintenfasses, knallte denselben auf das Fass
und stellte obenauf den ganzen Stapel Hefte. Noch mitten im Vortrag und in
Gedanken auf seine Taschenuhr schauend, gab es einen dumpfen Knall. Das
Tintenfass war explodiert und hatte die Hefte in hohem Bogen in das
Klassenzimmer geworfen. Die Tinte, die bis zur Decke gespritzt war, war unter
anderem auch in das Pult ausgelaufen und hatte darin befindliche Zensurnotizen
vollkommen unleserlich gemacht. Der versprochene Zoobesuch in dieser Woche fiel
ins Wasser, und eine Woche lang war um 17.00 Uhr Bußandacht in St. Ludgeri.
Wir gingen auf das Jahr 1935 zu. Immer mehr
Lehrer kamen mit dem Parteiabzeichen in die Schule. Der Unterricht begann jetzt
morgens nicht mehr mit dem Pflichtgottesdienst, sondern der war war freiwillig, doch
hier waren alle Schüler wie immer pünktlich vor der Kirche. Der neue Rektor
kam grundsätzlich in brauner Uniform, und in regelmäßigen Abständen
erhielten wir von ihm die damalige Schülerzeitung "Hilf mit", die er
in der Klasse verteilte. Jeden Morgen war es jetzt die gleiche Prozedur, die wir
über uns ergehen lassen mussten. Nach dem "Heil Hitler, Herr Lehrer"
hieß es: "Setzen!" Er rief einen Namen auf, und der Betreffende mußte
jetzt nach seinem Zuruf: "Wann ist der Führer Adolf Hitler geboren?"
den von ihm einstudierten Kurzlebenslauf herunterrasseln.
Wenn am Samstag Abend die Glocken in unserer
Stadt erklangen und uns der Ton mit einem wohligen Gefühl durchfuhr, war es an
der Zeit, noch einen Streifzug entlang der Aa zu machen. Mit acht bis zehn
Jungen waren wir dann unterwegs und liefen von der Westerholtschen Wiese über
die Mühlenstraße bis runter zur Neubrückenstraße. Dabei mussten wir auch
immer am bischöflichen Garten vorbei. Der Garten, der zur Aaseite keinerlei
Absperrung hatte, lockte geradezu, das wunderschöne Obst zu pflücken. Im Nu
stand fest, es sollte im Rahmen einer Mutprobe jeder einen der herrlichen
Pfirsiche holen. Da ich nicht der Mutigste in solchen Sachen und auch noch der
Kleinste war, glaubte man mir, daß ich keine Pfirsiche esse wegen der pelzigen
Haut. Einer unserer Großen und Starken wollte mich dazu benutzen, für ihn
einen Pfirsich zu holen, was aber alle anderen ablehnten. So stiegen die ersten
auf die Mauer der Aa und waren bald mit einem Pfirsich wieder zurück. Die Nächsten
hatten es auch bald hinter sich, und nur einer, der Größte und Stärkste,
startete noch los. Ich sah zwei schwarze Schatten und rief: "Die Päterkes
sind da!" In alle Winde stoben wir davon, liefen um unser Leben und
stellten nach einiger Zeit fest, daß der Letzte noch nicht aufgetaucht war.
Jemand wußte zu berichten, daß er laut um Hilfe gerufen und immer wieder
gesagt hat: "Ich tu`s auch nicht mehr wieder, ich tu`s auch nicht mehr
wieder." Josef blieb für uns vorerst verschwunden. Wie staunten wir am
Sonntag beim Kirchgang, als Josef erschien. Wir glaubten einen Indianer, einen
Cherokeeseen, vor uns zu haben. Die Patres hatten ihm nichts zuleide getan, außer
daß sie ihm seinen Haarputz mit einer Schneidemaschine bearbeitet hatten. Es
dauerte eine Zeit, bis seine alte Haarpracht wieder da war. Die Pfirsiche, die er
geklaut hatte, durfte er mitnehmen als Erinnerung an diesen Streifzug.
In bester Erinnerung sind mir auch all die Sonntage, an denen wir entweder zum Zoorestaurant oder ins Himmelreich nach Recklingloh gingen. Bei einer Portion Kaffee, Butter und Brot ließ es sich hier gut spielen. Der Aasee war nicht weit, und doch war es im Zoo am schönsten. Hier spielte sonntags eine Militärkapelle, und es wurde im Freien getanzt. Das Ganze war immer ein Mordsgaudi. Am weitesten gelegen war das Kaffeehaus Täppken in Mecklenbeck. Hierhin ging meine Tante Johanna am liebsten, denn der Weg führte gerade an ihrem Geburtshaus Hülswitt neben der Großgärtnerei Löckner, was ebenfalls Verwandtschaft war, vorbei. Vorbei an den herrlichen Apfel-, Birnen- und Pflaumenbäumen, die rechts und links Spalier standen bis hin nach Mecklenbeck. In Mecklenbeck waren meine Mutter und meine Tante zur Schule und in der Mecklenbecker Kirche zur heiligen Kommunion gegangen. Wenn wir nun bei Kaffee, Butter und Brot saßen, war es für meinen Bruder und mich immer wieder schön, durch den Wald zu streifen. Bei einem dieser Streifzüge waren wir in der Nähe der Kirche auf eine Gruppe Ziegen gestoßen. Die Kleinsten waren ohne Scheu und ließen sich von uns sofort streicheln und kraulen. Ein Ziegenbock aber von beachtlichem Format sah das von seiner Seite etwas anders und fing an, uns zu attackieren. Als diese Angriffe immer heftiger wurden, konnten wir unser Heil nur noch in der Flucht suchen, und was lag näher, als in die nahegelegene Kirche zu flüchten. Mein Bruder, der ungeheuer schnell war, schaffte es zuerst. Ich war noch damit beschäftigt, die schwere Kirchentür aufzureißen und sah den Ziegenbock an mir vorbei in die Kirche stürmen. Dieser stand jetzt in der Mitte des Altarganges mit gesenktem Kopf zum Angriff bereit. In letzter Not erreichte ich noch einen Platz auf der Betbank. Mein Bruder saß im Beichtstuhl. Der Ziegenbock, der sich seiner Angriffsobjekte beraubt sah, trank zuerst das Weihwasserbecken leer, um dann auf die Kommunionbank zu stürmen und den Spitzenbehang auf die Hörner zu nehmen und wahllos durch die Gegend zu schleudern. Das Tier schien rein weg von Sinnen. Die Fetzen flogen, und während er mit diesem Kommunionbehang beschäftigt war, verließen wir fluchtartig die Kirche und kamen nach Täppken, als wäre nichts geschehen. Der Bock in der Kirche hat uns noch eine ganze Weile während des Nachhauseweges beschäftigt. Später hörten wir bei uns im Lokal, das der Bock von Lohmann in der Kirche eine schöne Aufstellung gemacht hätte. Nur alles fragte sich: „wu is de Siäggenbuk in de Kiärke kuemen"

Jedes Jahr zur Maienzeit, wenn Muttertag kam, hofften wir darauf, daß
rechtzeitig der Flieder blühte. Wir kannten die schönsten Büsche und Sträucher
die in den Gärten an der Promenade standen, aber in diesem Jahr war weit und
breit kein Flieder zu finden. Wir beschlossen daher, d. h. mein Bruder und ich,
durch vermehrte Arbeitsübernahme im Haus dieses als Äquivalent unserer Mutter
anbieten zu können. Der Muttertag, der diesmal die Sonne vom Himmel lachen ließ,
schien ein Freudentag erster Güte zu werden. Unsere Mutter, die an diesem Tag
zeitiger aufgestanden war, vermisste schon eine Zeit meine jüngste Schwester
Trude. Sie war die Kleinste und Jüngste, ein Goldkind mit langen Zöpfen,
hellblond, ein richtig süßer Fratz, und alle mochten sie gern. Wie sie auch
suchte, auf der Straße und fragte. Niemand hatte sie gesehen. Keiner wußte, wo
Tuttiken, so hieß ihr Kosename, geblieben war. Erleichterung kam auf, als ein
Gast die Mitteilung brachte, Gertrud, diine Jüngste kümp mit nen ganzen dicken
Tulpenstrauß no Hus.
Sie konnte es nicht abwarten, und dann kam sie, stellte
sich vor ihre Mutter, sagte ein Gedicht auf, welches Sie im Kindergarten gelernt
hatten und gab ihr den Strauß Tulpen zum Muttertag. Gerührt, mit Tränen in
den Augen, schloss sie meine Schwester in die Arme, um dann zu uns zu sagen:
"Da nehmt Euch ein Beispiel dran. Die Kleinste, aber sie hat an mich
gedacht." Abends gegen 6 Uhr, kam der Promenadenwärter, trank einen
Schnaps und ein Bier und Sagte meiner Mutter, daß drei Reichsmark Strafe
entstanden wären, dieweil ihre Tochter Tulpen aus dem Beet in der Promenade
gepflückt hatte. In späteren Jahren sagte meine Mutter immer, daß die drei Mark mit einigen Bier und Korn abbezahlt worden wären. Der Zweck heiligt die
Mittel, mit Riesenschritten gingen wir die letzten Schuljahre an. Ein Jahr vor
meiner Schulentlassung war ein Schreiben gekommen. Es war vom Arbeitsamt, mit
Termin, damit der weitere Berufsweg für mich besprochen werden konnte. So
gingen meine Mutter und ich eines Nachmittags zum Arbeitsamt an der
Wolbeckerstrasse.
Ein junger Mann in SA Uniform empfing uns freundlich und bald kam das Gespräch
auf meine Ausbildung die demnächst anstand. Nach meinem Berufswunsch gefragt,
den ich mit Architekt angab wurde mir erklärt: “Das wäre möglich
gewesen wenn ich meinen Dienst in der Hitlerjugend weiter gemacht hätte. Der
Dienst in der Gruppe war mir zu blöd und für rechts und linksrum hatte ich
nichts übrig ,deshalb war ich schon bald nicht mehr zum
antreten erschienen . Außerdem wurde bei den Kriegspielen hart zur Sache
gegangen und das war nicht meine Vorstellung von Freizeit. Ich wurde
aufgefordert sofort einen namentlich genannten Fähnleinführer aufzusuchen der
dann eine Entscheidung zu treffen hätte. Meiner Mutter passte das gar nicht,
ich hatte immer gesagt ich übernehme mal die Wirtschaft und Brauerei, sie aber
sagte:“ Alle liärnt se watt,alle gaot`se ut`n Huse,du auk. Wie recht sie
damit hatte, sollte mir später noch klar werden. Meine Vorstellung bei dem Fähnleinführer
endete damit das ich nach vorgeschlagener Marine HJ oder Motor HJ ab sofort zur Flieger
HJ der sogenannten Pflicht HJ musste. Ich habe diesen
Entschluss nicht bereut. Basteln war schon immer ein Hobby von mir und der Flugmodelbau war einfach Spitze. Später bauten wir uns den Schulgleiter selber
und auf der Loddenheide waren unsere ersten Starts mit dem Gummiseil. Es wurde jetzt für
alles mögliche gesammelt, für Mutter und Kind, für die
Kinderlandverschickung, für das Winterhilfswerk, immer ein anderer Grund.
Verbunden waren diese Sammlungen mit kleinen Figuren, Blumen, Vögeln,
Schmetterlinge oder anderen Figuren, die im Erzgebirge hergestellt wurden.
Nachdem meine Vorstellung, Gastwirt zu werden, um die elterliche Brauerei und
Gaststätte zu übernehmen,
von meiner Mutter dahingehend korrigiert worden war: "Heruut ut'n Huuse,
alle liärnt se watt," mußte ich erst die Handelsschule und eine kaufmännische
Lehre absolvieren. Wie richtig dieser Entschluß von ihr war, wurde mir nach
Kriegsende erst richtig klar. Wie oft sagte sie mir, wenn ich mich über
irgendwas beklagen wollte in der Lehre, daß ich zuviel putzen oder wischen mußte
oder, wie früher üblich, den Boden wachsen und mit einem Bohnerbesen
bearbeiten sollte, was nun doch durchaus nicht nach meinem Geschmack war. "Heruut
ut'n Huse, Liährjaohre sin kiine Hiärrenjaohre." Langsam wurden die Reden
unserer damaligen Parteigrößen immer häufiger, und das einzig für mich gute
daran war, wenn der Führer sprach, hatten wir frei. Die Geschäfte waren
geschlossen. So standen wir dann vor den Lautsprechern, die inzwischen überall
in der Stadt installiert waren und hörten, was er uns zu sagen hatte. Der
Eispalast "Matacero" an der Salzstraße machte dabei immer das beste Geschäft, und eines Tages hörte ich auch hier jene Rede, in der es hieß:
"Ab 5.45 Uhr wird zurückgeschossen." Die Lunte war gelegt. Die Welt
sollte bald brennen. Der Abend sah mich Lauschenderweise mit Stammgästen, die
alle nur ein Thema hatten, den Krieg. Jeden Tag etwas Neues. Die ersten
Sondermeldungen kamen, dann wieder reden. Unser Führer erzählte uns laufend,
was alles deutsch gewesen war und was wieder heim ins Reich wollte. Hatten wir
in der Schule nicht aufgepasst oder waren unsere Lehrer nicht auf dem Laufenden
gewesen? Die uns gelehrte Landkarte von Europa stimmte nicht mehr. Ab sofort
wurde die Verdunklung noch strenger gehandhabt. Autos und Fahrräder hatten
Blenden mit schmalen Schlitzen an ihren Scheinwerfern. Das Winterhilfswerk kam
beim Sammeln mit neuen Figuren, die mit Leuchtfarbe bestrichen waren und so die
Träger derselben im Dunkeln wie Glühwürmchen erscheinen ließen. Das WHW und
Altenhilfswerk unter der Schirmherrschaft von Herman Göring brachte seit
einiger Zeit Lebensmittel, unter anderem auch zu den alten und gebrechlichen
Menschen, und eine Geschichte, machte die Runde, die ich hier wiedergeben möchte.
Ein Parteigenosse in Uniform hatte einen Sack Kartoffeln und Butter zu einer
Rentnerin gebracht, gleichzeitig auch ein Bild von Hermann Göring da gelassen
und aufgehängt mit der Bemerkung: "Damit Sie wissen, wem Sie das alles
verdanken." Ein paar Tage später war Besuch gekommen, hatte das Bild an
der Wand gesehen und gefragt: "Mein Gott, was ist das denn? "worauf
die Rentnerin geantwortet hat: "Das ist mein neuer Kartoffelbauer."
Das Stadthotel Freudiger an der Ludgeristraße, welches immer noch sehr gute
Kleinkunst zeigte, war der beliebte Treffpunkt für uns Bülkes. Hier machten
wir unsere ersten Tanzschritte und hörten auch zum ersten Mal Carl Napp, einen
Spitzenkomiker der damaligen Zeit. Wie dem auch sei, unsere Truppen waren überall
auf dem Vormarsch. Der erste Fliegeralarm löste wahre Besucherströme aus,
nachdem die erste Bombe auf dem Hansaring bei Haus Dorn gefallen war. Ich hatte
das Glück, noch einen Splitter dieser Bombe zu finden, aber es sollte noch eine
Zeit kommen, da man Splitter nicht mehr zu suchen brauchte. Sie lagen zuhauf
herum. Wie hatte unser Reichsmarschall zu Kriegsbeginn gesagt: "Wenn je ein
feindliches Flugzeug in deutsches Hoheitsgebiet kommt, will ich Meier heißen."
Ab da hieß er Meier. Über seine Ordenssucht wurde viel erzählt. Die Witze über
ihn zählten zu den besten. In diesem Zusammenhang sei gesagt, daß mit den
Luftangriffen auch die ersten großen Brände kamen. Unmengen von Brandbomben
fielen zeitweise vom Himmel. Die Vierlingsflak auf der Handelsschule hatte den
ersten Abschuss zu verzeichnen und sollte sich noch steigern. Bis zum Kriegsende
war sie die Vierlingsflak mit den meisten Abschüssen. Die Menschen wurden ruhiger. Gesagt wurde
weniger. Überall hingen die großen Plakate mit dem schwarzen Schattenmann und
dem: "Psst! Feind hört mit!" Man wurde nachdenklicher. Es war auch
nicht mehr ratsam zu sagen, wonach einem zumute war. Im Stadthotel Freudiger
wurde man jetzt schon des öfteren durch Fliegeralarm bei den
Varietevorstellungen gestört. Unser Hauptvergnügen war beim Tanztee am
Sonntag, Mädchen aufzureißen. Der beliebteste Trick war dabei die sogenannte
Telefonshow. Einer unserer Freunde rief von draußen an und verlangte, Herrn
Hugo von Ettingen oder ähnlich zu sprechen, worauf dann gewöhnlich sämtliche
jungen Mädchen darauf warteten zu sehen, wer nun aufstand und zum Telefon ging.
Zu dieser Zeit ging der Hotelboy noch mit der Suchtafel, einer Tafel in der
Größe 1,00 x 0,50 auf der der Name des gesuchten geschrieben stand. Danach brauchte sich der Betreffende bei der nächsten Damenwahl keine Sorgen
mehr um Zuspruch zu machen. Es war immer noch ein fast normaler Zustand
.Regelmäßig waren die Stammgäste in unserer Gaststätte . An einem Freitag war es. Die Müllfahrer
hatten Feierabend gemacht und standen bei uns an der Theke. Nach Absprache mit
ihnen hatten sie meiner Mutter alle brav ihre Wochenlohntüte gegeben. Zwei
Reichsmark durften sie davon vertrinken. Den Restlohn holten sich die Frauen am
anderen Morgen bei uns ab. Ich habe nie erlebt, daß einer der Arbeiter seinen
vollen Lohn vertrunken hat. Die Frauen waren meiner Mutter für diese Fürsorge
immer dankbar. Wie sagte sie mir in den späteren Jahren einmal: "Junge,
ens moss dii miärken vör diin liärben. De sikk es en drinkt, datt sin nich de
leichtesten. De nix drinkt und up de annern uppaßt, da mos dii för in acht niähm,
de sint laige." In diesen Kreis kamen auch zwei elegante Herren und
bestellten sich jeder ein Bier und einen Korn. Aus dem Lautsprecher kam Musik.
Im "Vaterland" in Berlin war ein großer bunter Abend. An diesen Tagen
durften wir länger im Lokal an der Theke sein, da dort das Radio stand. Der
Humorist Ernst Bendow brachte die Leute in Stimmung, um im Anschluß daran
Wilhelm Strienz und sein "Heimat, deine Sterne" erklingen zu lassen.
Mein Lieblingskomiker Carl Napp hatte gerade seinen Part hinter sich gebracht,
und wir hatten über seinen Vortrag wieder einmal gelacht, dass der Bauch weh
tat. Als im Anschluss an diese Sendung der Hinweis kam, daß um 20 Uhr unser
Reichsmarschall Hermann Göring sprechen würde. Zwei gute Stammgäste, die
meine Mutter animierten mit zu knobeln, stellten sich an einen Ecktisch, und während
der Knobelbecher seine Runde machte, das Bier und der Korn kreiste, kam langsam
eine fröhliche Stimmung auf. Mein Bruder und ich als Heranwachsende, standen in
diesem Kreis und durften die Deckel ablegen, die aus der Knobelrunde jeweils fällig
waren. Wir waren so gespannt in dieses Spiel vertieft, daß wir gar nicht
bemerkt hatten, daß die Rede bereits in vollem Gange war. Wir hatten also den
Anfang seiner Rede gar nicht mitbekommen. Plötzlich sagte einer der Gäste aus
unserem Kreis: "Mein Gott, was für ein Krach. Man kann ja sein eigenes
Wort nicht verstehen", worauf meine Mutter zu meiner Schwester sagte, die
hinter der Theke bediente: "Stell datt doch aff, datt Schwadronern kann man ja
nich häm." Da sagte einer der Gäste: „Frau Wirtin, ich darf
doch sehr bitten. Das ist unser Reichsluftmarschall Hermann Göring." Im Moment
wurde es blitzartig still, und in diese Stille sagte meine Mutter: "So, datt is watt aners. Dann stellt man wier ann, de küert auk fien."
Willys Flugzeugbau
Langsam aber sicher wurden immer mehr
junge Jahrgänge
eingezogen, die zwar noch im Studium standen, aber für Sonderaufgaben in den
einzelnen Armeeverbänden vorgesehen waren. So hatte meine Schwester einen
charmanten jungen Studenten kennengelernt, der eingezogen zur Luftwaffe, sein diplomiertes Studium
an der Uni Berlin angetreten hatte. Als frischgebackener Unteroffizier hatte
er bereits Studienurlaub und war bei den Junkerswerken in Dessau zum Lehrgang.
Genau wie bei meinem Cousin, der bereits als fertiger Diplomingenieur -
Einflieger die neuen Typen Ju 87 und 88 mit eingeflogen hatte, wollte auch
er diesen Berufsweg einschlagen. Was lag näher, dass ich mich mit meinem
angehenden Schwager als Flugbegeisterter HJ- ler mehr als gut verstand. Peter
war aber auch das, was einen echten Kumpel und Kameraden ausmacht. So wollte ich ihm
als Freund zeigen, was ich konnte. Nach meinen vielen Segelflugmodellen war der
Strolch mit einer Spannweite von 2,20 m mein Größtes und Erfolgreichstes Model
mit dem ich viele Preise geholt hatte. Ich beschloss nun einen Schulgleiter zu
bauen, wie er uns zu Probeflügen beim Dienst zur Verfügung stand. In unserer Heimwerkstatt an der Loddenheide nahm ich die
Maasse unseres
dort stationierten Gleiters ab. Nun ging ich daran, die Materialliste zu
erstellen und stellte schon bald fest, dass doch ganz erhebliche Geldmittel
benötigt wurden. Meine Tante Johanna war als Geldbank auserkoren und half
zuerst, wo immer sie konnte im Rahmen des Möglichen. Der Boden in unserer
großen Gaststätte und Brauerei der bei schlechtem Wetter als Fussballplatz
benutzt wurde, war von mir als Werkstatt eingerichtet worden.
Mit seiner riesigen Fläche von 30x 40 Metern war es genau das, was gebraucht
wurde. Tag für Tag, wenn mein Arbeitstag zu Ende war, (ich hatte noch das
letzte Lehrjahr als kaufmännischer Angestellter abzuleisten) sah mich meine
Flugbauwerkstatt bis in den späten Abend bei meiner Arbeit. Zwischendurch erzählte mir meine Tante Johanna, die meine unbedingte Vertraute war, dass
meine Mutter schon oft gesagt hatte:" Wo iss den grauten de Willy immer. De
kümp noa Hues, gait in de Küerke und dann is he wegg. Meine Tante hatte dann
immer gesagt, dass wir draußen mit den anderen wären, "de sint ächter de
Wichter hiär "Die untere
Partie im Rumpf mit der Sitzfläche und der Steuerung hatte ich fertiggestellt, dabei war
mir ein alter Sessel mit 10 mm Sperrholzsitzfläche in die Hände gefallen. Die
ergonomische Sitzfläche passte sich hervorragend in den Verlauf der Rumpfnase
ein,
und ich war
begeistert, wie das Höhen- und Seitenruder sich bewegten, die Bespannung war mit Zaponlack
bearbeitet und sah super aus. Jetzt mussten die
Verstrebungen nach hinten angebracht werden, dann war der Rumpf des Schulgleiters
fertig. Stolz erfüllte mich und ich stand an einem Abend mit meiner Tante auf
dem Boden und sah mir das Machwerk an. Meine Tante konnte gar nicht begreifen,
dass ich so etwas gebaut hatte und sagte immer wieder: "un datt flüg, ik
kannt nich glaiwen ,dat flüg:" Sie war richtig stolz auf ihren
Lieblingsjungen. Nun sollten die Tragflächen an die Reihe kommen. Die
Materialliste zeigte das doch jetzt einiges auf mich zu kam und ich stellte fest, dass jetzt der teuerste und
schwierigste Teil anstand. Doch
zwischenzeitlich hatte sich mein angehender Schwager, der inzwischen seine
Fliegerprüfung abgelegt hatte, angesagt, da er jetzt mal schnell mit einer
Maschine nach Münster- Loddenheide oder Handorf- Dorbaum kommen konnte. Ich
konnte kaum abwarten, bis er kam. Voller Stolz ging ich mit ihm auf den Boden
und er war voll des Lobes über das, was er da sah. Bis dann aus seinem berufenen
Munde die folgenschweren Worte kamen :" Und wie kriegst du dein Flugzeug
jetzt vom Boden runter. Das wars, ich hatte in meinem Eifer vergessen, das weder
durch die Fenster noch die Treppe runter eine Möglichkeit gegeben war. Es
hätte alles wieder zerlegt werden müssen. So blieb mein Schulgleiter auf dem
Boden und stand noch da, als im Jahre 1941 nach einem großen Luftangriff
unsere Gaststätte und Brauerei "Leppers in Hals - Sängerklause Eichel
" den Flammen zum Opfer fiel, mein Schulgleiter eingeschlossen.
Mein Exschwager brachte auch immer die neuesten Prominentenwitze mit, da er wusste das ich dieselben sammelte,man mußte vorsichtig sein in allem, was gesprochen wurde. Einer der für mich schönsten Witze um Hermann Göhring war wohl folgender: Hermann Göhring war morgens aufgestanden und lief in Hose und Hemd im Hause umher, schimpfte, daß es seine Freude hatte, weil er seine Orden nicht fand. Er war dafür bekannt, daß er selbst bei unwichtigen Anlässen in vollem Kriegs- und Ordensstaat erschien. Das Schimpfen wurde lauter, und seine Gattin Emmi kam, um sich nach dem Grund seiner Erregung zu erkundigen. Hermann behauptete, seine Orden seien ihm mit Absicht versteckt oder sogar gestohlen worden, worauf ihm Emmi erwiderte: "Aber Hermann, die sind doch noch alle an Deinem Nachthemd." Viele dieser Witze über unser damalige Politprominenz sind mir noch gut in Erinnerung, doch davon an anderer Stelle mehr.
Der Krieg ging weiter mit Erfolgsmeldungen
von allen Fronten. Noch waren die Lebensmittelkarten gut bestückt. Auf
Kleiderkarte konnten wir immer noch sehr gut einkaufen, doch die Fliegeralarme
wurden häufiger, die Nachtruhe immer mehr gestört, und unser Saal, der jetzt
leer stand, wurde beschlagnahmt. Hier brachte man 120 Franzosen als Gefangene
unter. Wir schrieben das Jahr 1941. Viele meiner Schulkameraden hatten sich
bereits freiwillig gemeldet und waren schon an der Front im Einsatz. Den Mut,
mich freiwillig zu melden, habe ich nie gehabt. Wir waren noch eine kleine
Gruppe aus Äegidii, Ludgeri, die sich hin und wieder trafen, und mit einigen Mädchen
aus der Schule gingen wir am Sonntag nach Kavermann in Handorf. Hier stand ein
Klavier, auf dem ich dann zum Tanz spielte. Der damalige Schlager "Man müßte
Klavier spielen können, wer Klavier spielt, hat Glück bei den Frau'n traf auf
mich bestimmt nicht zu, denn mit einem Mädchen ging ich hin. Zurück kam ich
solo. Scheißlied! Es war schon urkomisch. Die Tanzlokale Roxel und Kaiserhof,
in denen immer Superkapellen spielten, durften wir noch nicht besuchen, weil wir
keine 18 waren. Und so suchten wir immer wieder nach Möglichkeiten, mit
irgendeinem Bekannten in solch ein Lokal zu kommen. Oft gelang es uns, und wir
waren restlos begeistert, wenn es irgendeinem musikbegeisterten Offizier glückte,
die Kapelle zu bewegen, den "Tiger Rag" oder "Schwarzen
Panther"zu spielen. Dieses Lied stand
auf dem Index und war nicht erlaubt. Die Franzosen, die bei uns im
Gefangenenlager lebten,unser Saal war inzwischen beschlagnahmt und zum
Gefangenenlager umgebaut, freundeten sich immer mehr mit uns an, und die Landesschützen,
die sie bewachten, waren durchweg gute, korrekte Leute. Sie hatten aber den
Auftrag, einen Kontakt mit der Zivilbevölkerung zu unterbinden, taten das aber
in einer Form, daß sie nur bei Kontrolle von Offizieren des Stallag Dortmund
etwas direkter wurden. Einer, der am meisten gab und den ich am besten leiden
konnte, war ein dunkelhaariger, hübscher Gefangener mit Namen Christian. In all
der Zeit, wo wir das Lager hatten, habe ich ihn nur "Pierre" gerufen.
Er behauptete von sich immer, ein großer Künstler in Frankreich zu sein und
spielte hervorragend Klavier. Es waren viele Abende, an denen er mit Genehmigung
des Wachpersonals in unsere Altbierküche geholt wurde, um an unserem Flügel,
der jetzt hier unten stand, kleine Konzerte zu geben. Einen besonderen Applaus
erhielt er immer für das Lied von der Loreley "Ich weiß nicht, was soll
es bedeuten", welches er so gekonnt vortrug, dass sich richtige
Ergriffenheit breit machte. Er war wie gesagt, ein ausgezeichneter Pianist und
hatte besonders beim weiblichen Geschlecht einen Stein im Brett. Ich bin nach
dem Krieg von vielen Leuten, die Bücher schreiben wollten, über die
verschiedenen Gefangenenlager in Münster auf eine angeblich schlechte
Behandlung und schlechtes Essen, was verabreicht worden sein soll, befragt
worden. In unserem Haus und in unserem Lager ist das nicht der Fall gewesen. Die
ganze Familie und einige Stammgäste haben mittags von dieser Küche
mitgegessen, und die Schlafsääle habe ich später bei der Wehrmacht viel
schlechter angetroffen.
Der Sommer, der in diesem Jahr besonders schön
war, ließ auf einen genauso schönen Herbst hoffen. Die Sirenen in der Nacht
waren zur gewohnten Geräuschkulisse geworden, und, wenn wir draußen standen
und zum Himmel sahen, um das Spiel der Flakscheinwerfer anzusehen, war es
gleichsam, als tanzten sie zu einer verborgenen Musik, deren Höhepunkt die
Erfassung eines Flugobjektes war. Splitterbomben fielen nicht mehr so häufig.
Dafür gab es jetzt eine Brandbombe, die einen Spezialsprengsatz mit Verzögerung
in sich hatte. Diese Spezialbrandbombe war nur in den ersten 40 bis 60 Sekunden
zu bekämpfen. Nach dieser Zeit detonierte ein Sprengsatz ähnlich einer kleinen
Splitterbombe, die zu lebensgefährlichen Verletzungen führen konnte. Normal-
und Spezialbomben wurden gemischt vom Flugzeug abgeworfen und führten dazu, daß
Löscheinsätze durch die Luftschutzgruppen nicht mehr so leicht möglich waren. Seit
Neuestem wurde auch von den alliierten Bomberverbänden mit der
Pfadfindermaschine über dem Ziel nicht nur der obligatorische Christbaum
gesetzt, jener Lichterbaum, der alles taghell erleuchtete, sondern zusätzlich Stanniolstreifen
abgeworfen. Damit wurde eine Ortung der ankommenden Flugzeuge durch die
Befehlsstellen der Flak fast unmöglich gemacht. So war es auch am 10. Juli des
Jahres 1941. Es war ein wunderschöner Sommerabend. Ich war von der Arbeit nach
Hause gekommen, um für meine anstehende Prüfung noch etwas zu tun. Ich saß in
unserem Biergarten. Unser Braumeister saß mit einigen älteren Herren ebenfalls
dort . Meine Mutter war in die Küche gegangen, um festzustellen, was alles für
die neue Gefangenengruppe gebraucht wurde. Die Franzosen waren plötzlich
verlegt worden, und keiner wusste, wann die Neuen kamen. An diesem Abend war der
Fliegeralarm früher als sonst, gegen 23 Uhr, es waren noch Gäste im Lokal,
fingen zum erstenmal die Sirenen an, und wir standen auf, um uns unten
aufzuhalten. Im Radio lief der Flugzeugwarndienst und gab die Standorte der
verschiedenen Verbände durch. Für uns war der Bierkeller mit seinem Gewölbe
der Luftschutzraum. Die Gäste gingen, denn jeder wollte nach Hause, um bei
seiner Familie zu sein, falls etwas passieren sollte. Die Entwarnung kam gegen
23.45 Uhr. Kaum hatten wir uns hingelegt, kam gegen 0.30 Uhr ein neuer Alarm,
und wir hörten bereits die Flak schießen. Für uns war es das Zeichen, daß
dieser Verband fast unbemerkt an die Stadt heranfliegen konnte. Das
anschwellende Brummen der Flugzeugmotoren ließ auf niedrig fliegende Verbände
schließen, und noch beim Anziehen hörten wir die ersten trockenen Einschläge.
Gleißende Helligkeit kam von der Straße, und während wir nach unten stürzten,
sahen wir immer mehr diese funkensprühenden Brandsätze. Überall waren sie, nach einigen Minuten war es nicht mehr möglich, die Bodenräume zu betreten.
Die Feuerwehr, die unsere Meldung zuerst bekommen hatte, versuchte zu retten, was
zu retten war. Viele der Helfer schleppten das Inventar nach draußen . Die
Feuerwehr hatte den Flügel der Gottseidank in der Altbierküche stand schon im
freien stehen. Meine Mutter saß derweil auf einem Stuhl der Gaststätte Vennekötter
und starrte ohne ein Wort zu sagen in die Flammen.1690 erbaut, ging es 1941 in
Rauch auf, dieses Haus, in dem drei Generationen Bier gebraut hatten, Bäumers,
Leppers und Eichel. Als wir im Morgengrauen unsere Mutter zu einer bekannten
Familie brachten, sagte sie nur: "Leppers in'Hals givt nich mehr. Sie war
eine schmale zarte Person und doch so stark. Meine Tante Johanna, ihre
Schwester, lag aber bereits seit über einem Jahr schwerkrank im Hüfferstift
und sollte von diesem ganzen Dilemma nichts mehr erleben. Noch am anderen Tage
war von der Kreisleitung ein Bombenurlaub in Übersee/Oberbayern für uns
besorgt worden. Nach sechs wunderschönen Wochen Urlaub mußte ich als Einziger
wieder zurück nach Münster. Meine Vorladung zur Musterung war gekommen. Ich
fühlte mich verlassen, es war etwas in mir das mir sagte
Regenverhangen zeigte sich unsere Stadt, als
ich, von Oberbayern kommend, wieder in Münsters Hauptbahnhof einlief. Die
Adresse eines guten Freundes suchend, lief ich dem Ausgang zu, damit ich vor der
Dunkelheit dort sein konnte. Der Regen, der mir ins Gesicht schlug, trug nicht
zur Hebung meiner ohnehin miesen Stimmung bei. Na, wenigstens war dann nicht mit
Fliegeralarm zu rechnen. Die Stadt hatte sich noch nicht viel verändert. Hier
und da war eine Brandruine zu sehen. Der Dom, Lamberti, Ludgeri, Überwasser die markanten
Wahrzeichen unserer schönen Stadt, standen noch unversehrt.
Wie war ich froh, viele meiner Schulkameraden
wiederzusehen, und wir glaubten uns unüberwindlich. So sehr wir uns auch jetzt
auf das Zusammensein freuten, vierzehn Tage später wünschte sich jeder, er wäre
wieder Zuhause. Kaum hatten sich die Lagertore hinter uns geschlossen, lernten
wir eine Schikane erster Güte kennen, den man Maskenball nannte. Hierbei ging
es darum, in einer vorgegebenen Zeit, die meist nicht über fünf Minuten lag,
mit anderer Kleidung angetreten, auf dem Hof zu erscheinen. Später haben wir
dieses Spiel noch oft mit den unterschiedlichsten Abhandlungen machen müssen,
aber auch wir hatten sehr bald gelernt, daß unsere Vorgesetzten, Vormänner und
Truppführer, einen Schwachpunkt hatten, und der nannte sich Kadavergehorsam.
Die Zeit im Emsland verging wie im Fluge, und nach gut acht Tagen lief schon die
erste Parole. Wir werden verlegt. Und richtig, der kommende Sonntag war für
diese Verlegung vorgesehen. Schon früh morgens noch im Dunkeln fand der Appell
statt, und im Anschluß daran war gepackt, und im Fußmarsch ging es zum
nahegelegenen Bahnhof. Nach einer Bahnreise von gut einem Tag ,fanden wir uns in Sösterberg
bei Ammersfort/ Holland wieder. Dort war ein altes Kloster, das Missionshaus St.Jann, für uns beschlagnahmt worden, eine herrliche,gepflegte Anlage. Vom
ersten Tag an hatten wir mit den Patres im nebenliegenden Gebäude einen guten
Kontakt. Für sie waren wir weniger Besatzer, denn eine Horde Jungen, die
hierher beordert waren. Ein Teil von uns war schon siebzehn, die anderen wurden
es bis zur Jahresmitte. Wie oft habe ich daran denken müssen, später, als ich
nach Hause kam. Soldat werden mussten wir mit sechzehn, wählen durften wir erst
mit einundzwanzig. Und da war der Krieg vorbei. Der Dienstplan bestand aus
Sport, Exerzieren mit dem Spaten, vormilitärischer Ausbildung und Bomben
verladen. Der in unmittelbarer Nähe gelegene Flugplatz war unser
Hauptarbeitsfeld. Von hier starteten die Bombenflugzeuge He 111 und die Me 109
Jagdflieger bei Angriffen auf England. Bei den Jagdfliegerpiloten waren schon
einige die etliche Abschüsse hatten und wir waren richtig stolz wenn wir beim
Bomben verladen die Landung dieser Piloten miterleben konnten, die bei der
Landung mit wackelnden Tragflächen vom Feindflug zu rückkamen . Ich
selber aber dachte mir, das ich nach Ableistung meiner Zeit im Arbeitsdienst
auch einmal in solch ein Jagdflugzeug steigen würde. Jedoch sollte dieser
Wunsch nie in Erfüllung gehen.
Jeden Tag also ein volles Programm. Nach gut sechs Wochen, in denen
wir hinreichend gedrillt wurden, insbesondere was das Grüßen von Vorgesetzten
angeht, kam der erste Ausgang ins Wehrmachtsheim nach Ammersfort. Ein Teil der
Vorgesetzten, die auf das Gegrüßt werden ganz wild waren, haben im nachhinein
doch überlegt, ob sie von uns nicht mit dem vielen Grüßen auf den Arm
genommen wurden. Unsere Stube, die mit acht Münsteranern belegt war, ging
geschlossen, wenn Ausgang war, ins Wehrmachtsheim. Da es grundsätzlich nur eine
Richtung gab, in die man zum Wehrmachtsheim gehen konnte, stoben wir bei Ansicht
eines Vorgesetzten auseinander und brachten zwischen uns jeweils dreißig bis
vierzig Meter Freiraum. Wir warteten dann mit Sicht zu unserem Vorgesetzten,
der, wenn er in unsere Höhe kam, zackig achtmal gegrüßt wurde, was zur Folge
hatte, daß jeder von uns nur einmal den Arm hob, er aber achtmal wieder grüßen
mußte. Unvergessen ist für mich auch die Geschichte mit den Tulpen, die an und
für sich ganz harmlos begann. Jeden Abend bei der Stubenabnahme wurde von einem
gewissen Obertruppführer insbesondere unser Zimmer auf den Kopf gestellt. Was
immer es auch war, wir hatten bei ihm schlechte Karten. Nicht selten beschäftigte
er uns bis zu zwei Stunden bei dieser Abnahme, und sein Erfindungsgeist im Aufspüren
von Staub und sonstigen Dingen, die es zu bemängeln gab, war unerreicht. An
solch einem Samstag, unser Trupp hatte Ausgangssperre, und wir lungerten auf dem
Flur, in benachbarten Stuben oder auf unserem Zimmer herum, kam plötzlich von
irgendwoher der Warnruf: "In zwanzig Minuten ist Stubenabnahme."
Schnell war alles versammelt, um die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Wir
wollten ihm diesmal keine Handhabe geben, uns, die wir schon keinen Ausgang
hatten, noch über Gebühr zu beschäftigen. Es schien, als hätten wir Glück
gehabt, denn sein Blick, so sehr er auch suchte, fand nichts, was ihm Anlass
gegeben hätte, uns noch groß heraus zu scheuchen, bis er auf unseren Tisch
blickte und sagte: "Keine Blumen“. Es ist doch Tulpenzeit, meine Herren.
Wenn ich morgen Abend wieder zur Stubenabnahme komme und keine Tulpen hier
vorfinde, können Sie sich auf was gefasst machen, meine Herren." Woher
sollten wir von Samstag Abend bis Sonntag Abend Tulpen bekommen? Nach kurzer
Zeit kam mir der Gedanke, daß beim letzten Handballspiel am Freitag Vormittag
unser Ball über die angrenzende Mauer der Patres gefallen war. Beim Wiederholen
desselben hatte ich bemerkt, daß die Tulpenbeete mit den herrlichsten Blumen
bis fast an den Mauerrand wuchsen. Diese Tulpenfelder aber waren für uns voll
tabu, und zwei unserer Arbeitsdienstkameraden, die trotzdem versucht hatten,
hier Blumen, sprich Tulpen, wegzuholen, waren dafür mit einem Monat
Ausgehverbot belegt worden, doch der Gedanke daran, daß wir hier die Möglichkeit
hatten, uns die nötigen Blumen zu besorgen, ließ mich nicht los. So kam es, daß
jeder vernünftige Vorschlag, an Blumen zu kommen verworfen wurde. Wir tranken
Likör und Bier, welches wir aus unserer Kantine besorgt hatten und fühlten uns
von mal zu mal besser und mutiger. Dann erläuterte ich meinen Kameraden
folgenden Plan. Ich hatte beim Gang zur Sanitätsstation an der Rückwand der
Garage eine überdimensionale lange Leiter von 8 Metern gesehen, eine
Holzleiter, wie sie die Bauern hier auf den Höfen überall haben. Diese Leiter
sollte nun über die ca. 1.50 Meter hohe Mauer geschoben werden. Auf dem
vorderen Stück lag ich als der gewichtmäßig Leichteste. Hinten hingen meine
sieben Stubenkameraden als Gegengewicht an der Leiter, und dieselben sollten
mich jetzt, so weit es ging, nach vorn über dieses Tulpenfeld schieben, mich
dann langsam nach unten schweben lassen, worauf ich dann die Tulpen aus dem Beet
herauszupfen konnte. Ein Versuch, der vorher an dem Abgrenzungsstankett des
Sportplatzes vorgenommen worden war, zeigte, daß die Möglichkeit bestand, so
zu verfahren und die Leiter stark genug war, mich zu tragen. Immerhin kam ich
mit ihr gut drei bis vier Meter in das Tulpenfeld herein. Mit steigendem
Alkoholpegel wuchs auch unser Mut, und nachdem wir uns überzeugt hatten, daß
Ruhe im Haus eingekehrt war, schlichen wir zur Tat. Die Leiter wurde vorsichtig
abgehoben, und es dauerte nicht lange, bis ich freischwebend auf dieser Leiter
über dem Tulpenfeld hing. Der Rest war eine Kleinigkeit. Jetzt klaffte mitten
in dem Tulpenfeld ein ca. 80 cm großer Kreis, der vollkommen leergepflückt
war. Ohne, daß wir bemerkt wurden, gelang es uns, die Leiter wieder dahin zu
bringen, wo wir sie hergeholt hatten, die Tulpen mit auf das Zimmer zu nehmen,
und vorerst wurden dieselben bis zum anderen Tag in unsere Wasserkanne gestellt.
Eine große Konservendose, die wir vom Furier erbettelt hatten, wurde flugs in
eine schmucke Blumenvase verwandelt, mit Papier beklebt und künstlerisch
bemalt. Nie werde ich das verdutzte Gesicht vergessen, welches unser Obertruppführer
abends bei der Abnahme machte, die herrlichen Tulpen sah und wissen wollte, wie
wir in den Besitz derselben gekommen waren. Wir erklärten ihm, daß wir am
Sonntag morgen beim Spaziergang durch den Park ein holländisches Mädchen
gefunden hätten, die bereit gewesen war, uns diese Tulpen zu besorgen. Bei der
Parole am Montag morgen zeigte sich, daß der Führungsstab in heller Aufregung
war. Sofort wurde auch bei uns gemunkelt von einem großen Blumendiebstahl, der
in dem Feld der Patres nebenan erfolgt sei und daß mit harten Maßnahmen gegen
die Diebe gerechnet werden müsste. Die Parole dauerte diesmal länger als gewöhnlich,
und als unser Oberstfeldmeister erschien und uns einen Vortrag hielt über
diesen gemeinen Diebstahl und daß der Täter sich melden möge, sahen sich alle
verdutzt an, denn außer uns acht Leuten wußte niemand, wie was passiert war.
Wir haben nur im Laufe des Tages mehrmals eine Kommission unserer Führer mit
den Patres nebenan gesehen, die um dieses Tulpenfeld standen, verwundert den
Kopf schüttelten, keinerlei Fußspuren entdecken konnten und immer wieder den
Kopf schüttelten, das mitten aus dem Tulpenfeld die Blumen fehlten. Für sie war dieser Blumendiebstahl einfach unvorstellbar. Anlässlich
eines Treffens nach dem Krieg in der Gaststätte Westhus an der
Weseler Straße, denn der Gastwirt war einer dieser Kameraden, die mit mir auf
einer Stube lagen, haben wir unseren Oberstfeldmeister, den wir eingeladen
hatten, diesen Vorfall zum Besten gegeben. Sein Kommentar: "Hervorragend
gemacht ,
Eichel!"
Besondere Freude bereitete es unserem Obertruppführer, uns bei Regen mit dem Spaten exerzieren zu lassen. Von oberster Stelle war dieses allerdings verboten. In diesem Falle sollte Putz- und Flickstunde angesetzt werden, und doch glaubte er sich eines Tages sicher, da sich unser Oberstfeldmeister in Haarlem beim Stab aufhalten sollte. Es bereitete ihm sichtlich Freude, persönlich von Stube zu Stube des dritten Zuges zu gehen, um dann kundzutun, daß in fünf Minuten alles im Drillich mit Exerzierspaten draußen anzutreten habe. Schon trabten wir über das Sportfeld. Der Regen hatte uns im Nu aufgeweicht. Es war widerlich nasskalt, und der sonst auf Hochglanz getrimmte Spaten zeigte ersten Rostansatz. Das gab wieder ein lange Nacht, denn der Spaten mußte zur Stubenabnahme auf Hochglanz poliert wieder im Spind stehen. Wir standen und starrten ihn an. Sein "Den Spaten über" klang höhnisch in unseren Ohren, und sein heimtückisches Grinsen sehe ich noch heute vor mir. Dann kam von ihm: "Zur Pause, unter die Bäume weggetreten!" Oh, welcher Hohn! Wie eine Hammelherde trabte alles zu den nahegelegenen Bäumen, er ebenfalls und steckte sich eine Zigarette an. Im März, kein Laub auf den Bäumen, stand alles da und glaubte sich trocken. Ich selber war stehen geblieben voller Wut und spielte mit dem Spaten in einer großen Pfütze. Unser Obervormann, der dieses beobachtet hatte, rief mir zu: "Arbeitsmann Eichel, wollen Sie eine Extraeinladung?" Meine Antwort war, daß nur Verrückte glauben könnten, daß sie dort nicht nass würden. Seine Frage: "Wollen Sie damit sagen, daß der Herr Obertruppführer und ich verrückt sind" Ich antwortete ihm: "Ich stelle nur fest, es ist noch kein Laub auf den Bäumen. Da kann ich auch hier bleiben." Seine Erwiderung:" Noch ein Wort, und Sie liegen flach". Ich sagte: "Nasser als jetzt kann ich nicht mehr werden. " Dann kam von ihm der Befehl: "Hinlegen!" Im Hechtsprung lag ich in der Pfütze, dreckig von oben bis unten. Das Wasser lief mir vom Gesicht herunter, aber nass war ich wie gesagt schon lange. Beim Aufstehen kam er auf mich zu. Er war verplext .Damit hatte er nicht gerechnet. "Wenn ich mir eine Lungenentzündung hole," sagte ich zu ihm, "sind Sie dran". Das hatte der Obertruppführer gehört, dem jetzt doch ein bisschen mulmig wurde. Sein Kommentar: "Eichel, hauen Sie ab, andere Klamotten anziehen!" Ich lief mit meinem Spaten in der Hand in unsere Unterkunft und gleich in den Keller, in dem sich die Duschräume befanden. Zuerst hatte ich vor, mich auszuziehen und einen Kameraden um ein Handtuch zu bitten. Da aber niemand zugegen war, dachte ich mir: "Was soll's". Ich stellte mich mit meinem Drillichanzug, den Spaten in der Hand, unter die Dusche. Der Dreck mußte runter. Was man oft denkt, aber glaubt, daß es nicht eintrifft. Hier passierte es. Unser Oberstfeldmeister war nicht in Harlem. Er war im Haus geblieben und wollte jetzt durch den Keller zum Furier und mußte dabei am Duschraum vorbei. Dieses Gesicht! ich glaube, er meinte, einen Geist zu sehen. Ein Arbeitsmann in voller Montur mit Spaten unter der Dusche. Kurz und knapp kamen von ihm die Worte: "Ich will Sie in zwanzig Minuten in meinem Zimmer sprechen!" Nachdem ich mich umgezogen hatte, meldete ich mich bei ihm wie es Vorschrift war, und nachdem er mich eine Weile gemustert hatte, verlangte er von mir eine Erklärung, die ich ihm gern aus vollster Überzeugung gab. Noch auf dem Rückweg in unsere Stube hörte ich ihn in noch nie gehörter Lautstärke den Namen unseres Obertruppführer über den Flur brüllen, und einige Arbeitsmänner, die einige Zeit später an seiner Tür vorbeikamen und stehen blieben, erklärten uns , daß sie einen derartig tobenden Oberstfeldmeister noch nie erlebt hätten. Den Rest der Woche verbrachte ich auf der Stube, weil ich laut Revier Innendienstkrank geschrieben war. Die Stubenabnahme verlief in diesen Tagen äußerst human für uns, da ich jedes Mal einen furchtbaren Hustenanfall bekam, wenn er oder der Vormann zur Abnahme erschienen. Bei Regen ist danach nie wieder mit einem Spaten exerziert worden. Die Zeiten wurden härter und der Drill ebenso. Die vormilitärische Ausbildung hatte Vorrang und forciert wurde der politische Unterricht dreimal in der Woche. Der hierfür zuständige Oberfeldmeister, wir nannten ihn "Knigge", weil er bei jeder sich bietenden Gelegenheit Knigge als Vergleich anführte, war ein kleiner Fiesling. Nicht nur, daß wir vor dem morgendlichen Frühstück erst antreten mussten, hieß es dann auch noch: "Das erste Glied fünf, das zweite Glied drei Schritte vor, Marsch. Hände vorzeigen!" Und schon tönte es von ihm: "Weg, waschen! Weg, waschen! Weg, waschen!" Er konnte bei der Dämmerung auf keinen Fall sehen, ob die Hände sauber oder nicht sauber waren. Nachdem er zwei Drittel der Abteilung fortgeschickt hatte, übergab er das Kommando an einen Unterfeldmeister und ging zum Frühstück. Wenn wir eintrafen, war er fast fertig, und dann erklärte er uns lang und breit, in welchem Artikel Knigge über saubere Hände etwas sagt. Eine weitere Schikane hatte er in seinem Unterricht. Nickte einer mal kurz ein, und das kam oft vor, und er bemerkte dieses, unterbrach er seinen Vortrag, indem er die beiden links und rechts neben dem Eingenickten zu hundert Strafkniebeugen nach vorne rief. Sein Kommentar: "Der Eingeschlafene kann nichts dafür. Seine beiden Partner links und rechts müssen dafür sorgen, daß nicht geschlafen wird." Während des Antretens zum Mittagessen war er es, der glaubte, nur, wenn gut und laut gesungen würde, freut sich der Mensch aufs Essen. So wurde dann immer nach dem Lied: "Wer recht in Freuden wandern will" ein paar Mal um den Sportplatz marschiert. Das alles ging natürlich von der Mittagszeit ab. Wie haben wir ihn geliebt!
Eines hatte er aber für sich, als der zuständige Führer für Sport war er all denen, die gute Sportler waren, immer ein bisschen gewogen. Der dritte Zug der einen Spitzenhandball lieferte war an einem Samstagnachmittag, Gegner der Truppführer. In dieser Mannschaft Spielte auch mein "bester Freund" Obervormann Paumen. Er war Kölner und konnte nicht verkraften das ein Bauernjunge aus Münster wie er sich auszudrücken pflegte im an Schnelligkeit weit überlegen war. Er ist in der ganzen Zeit nicht einmal an mir vorbei zum Zug gekommen was dazu führte, das ich sein "Lieblingsarbeitsmann" wurde, es gab keinen Trupp vom Dienst den er Führte, an dem ich nicht Dienst hatte. An diesen Tagen stand ich auf seiner Liste immer oben an. bis auf einen Tag, an dem er als Führer vom Dienst quer durch den Speisesaal an unseren Tisch kam und grinsend sagte: "Da hätte ich doch meinen besten Mann bald vergessen . Aber an diesem Samstag wollte die ganze Münsteraner Qulicke ins Wehrmachtsheim . Ich sprang auf und sagte ihm das ich den Einsatz verweigere und das ich sofort den Unterfeldmeister in dieser Sache aufsuchen würde. Ich lief aus dem Saal in Richtung der Führerunterkunft und hörte ihn laufend rufen :"Arbeitsmann Eichel bleiben Sie stehen, Eichel sie sollen stehen bleiben .Ich ließ mich nicht beirren und lief in Richtung auf das Zimmer unseres Unterfeldmeisters zu, wohlwissend das ich beobachtet wurde. Jetzt stand ich vor dem Zimmer unseres Unterfeldmeisters und dachte mir ,reingehen maust du, aber was sagst du ? auf keinen Fall hätte ich die Wahrheit sagen können, damit wäre ich nicht durchgekommen. Also rein, zackig gegrüßt und dann ging's los.:" Herr Unterfeldmeister ich komme hier grade vorbei und wollte fragen brauchen Sie was ? Er sah hoch und sagte erstaunt: "Eichel, ich hab doch meinen Putzer, aber ich find`s doll, das sie daran denken. Dann holte ich eine Kanne Wasser ,Putzte seine Stiefel und bei jeder neuen Arbeit sah ich am Ende des Ganges meinen " Freund "Obervormann Paumen stehen der mich fleißig bei der Arbeit für den Unterfeldmeister sah. Unser Unterfeldmeister wünschte mir nach getaner Arbeit einen schönen Ausgang und viel Spaß . Jetzt ging ich zu unserm Tisch zurück und sagte :"Herr Unterfeldmeister Uhlmann sagt, sie sollen sich jemand anderen suchen" . Er drehte sich wortlos um und ging zu einem andern Tisch . Das war es, was man unter Kadavergehorsam versteht. Als Obervormann hätte er nie den Mut gehabt sich bei dem Vorgesetzten nach dem Wahrheitsgehalt meiner Äußerung zu erkundigen .Wir haben an diesem Abend besonders viel Spaas gehabt
Die Landung der britischen
Truppen bei Diep`e hätte uns bald den ersten Einsatz beschert. Gott sei dank
ging dieser Kelch noch einmal an uns vorüber. Aus den angesagten sechs Monaten
Arbeitsdienst wurden neun, und am 11. Oktober 1942, dem Tag unserer Entlassung, kamen wir nach
Hause, um am 01.11. des gleichen Jahres Soldat zu werden.
Es sollte vorerst der letzte Urlaub sein und die erste
Kriegs - Weihnacht von mir, in einem
fremden Land. Die Post, die in unregelmäßigen Abständen kam, zeigte erste
Transportschwierigkeiten, und in den Briefen meiner Mutter erzählte sie von
immer mehr von den schwereren Luftangriffen auf Münster.
Aber auch die
Feldpostkontrolle meldete sich, so erhielt ich einmal einen Brief der
offensichtlich kontrolliert war, er trug den Stempel geöffnet
Feldpostdienststelle Paris Abteilung 4. Beim lesen des Briefes in dem meine
Mutter mir mitteilte was inzwischen wieder alles zerstört wurde, waren diese
Zeilen mit einem Bleistift durchgestrichen. Es war zwar alles noch zu lesen,
aber man wollte mir damit sagen: "sag deiner Mutter das wollen wir nicht .
Wie oft habe ich nach meinem Koffer gefragt, in dem
ich all das gesammelt hatte, was vom Karneval auf unserem Saal liegengeblieben
war. Treu und brav hatte sie denselben immer mit in den Hansabunker genommen.
Damals wußte ich noch nicht, wie wichtig dieses einmal für mich sein sollte.
Die Bomberverbände, die auch am Tag verstärkte Einsätze flogen, wurden von
unseren Jagdflugzeugen Me 109 schon in Küstennähe angegriffen. Es war immer
wieder ein tolles Gefühl, zu sehen, wie dieser Verhältnismäßig kleine
Verband von Jagdflugzeugen zahlenmäßig weit überlegene Bomberverbände mit
Jagschutzbegleitung angriff und viele aus diesem Verband abschossen und den Rest zum Abdrehen zwang . Wir
haben in der Zeit in Morlaix viele abgeschossene Amerikanische Flugzeuge
gesehen, Tote und schwerverletzte geborgen aber nicht einen getroffenen
deutschen Jagdflieger gesehen. Wir waren richtig Stolz auf unsere Me 109
Flieger. Der Absturz zweier Bomber in
unserer Nähe brachte für uns wieder einen Einsatz. Wir sollten soweit als
möglich überlebende
Flieger gefangen nehmen. Die Piloten, die mit dem Fallschirm bereits
abgesprungen waren, mussten in der Nähe von Morlaix herunterkommen sein, für
uns war das zu weit entfernt . Wir hatten die Rauchfahne der beiden
abgeschossenen Bomber gesichtet . Die Flugzeugwracks brannten, und explodierende
Brandbomben und
Leuchtspurmunition flogen uns um die Ohren. Ich glaubte zunächst an einen
Gegner, der noch im Flugzeug war und auf uns schoss. Nachdem aber die brennenden
Teile in sich zusammengefallen waren, näherten wir uns vorsichtig dem Wrack, um
zu sehen, was noch gefangen zu nehmen gewesen wäre. Es war aber nichts mehr zu
sehen. Abmarsch zur Unterkunft.
Hier wurde den anderen Bericht erstattet. Mein Stubenkamerad machte mich auf
Blutflecken im rechten Rücken und am Gesäß aufmerksam die durch die grüne
Drillichuniform kam und dann stellte ich auch am
linken Knie Blut fest, welches durch die Drillichhose sickerte. Ich hatte nichts
davon gemerkt und war überrascht, beim Sanitäter noch einige Kameraden mehr zu
sehen, die ebenfalls die gleichen Verletzungen hatten. Splitter von
Stabbrandbomben mit Sprengsatz, die uns um die Ohren geflogen waren, hatten
diese Verwundung verursacht. Die Gerüchteküche, die wieder kochte ließ uns
schon im Zug nach Italien sitzen. Bei der Gelegenheit sollten neue Waffen,
Sturmgewehre empfangen werden. Von Salerno wurde gemunkelt und von Bordeaux.
Hoffentlich machte mir mein Knie kein Theater. Das Kniegelenk schwoll aber beachtlich
an. Ich musste zum Arzt beim Stab.
Der Zapfenstreich
nahte und wir waren im Aufbruch begriffen, als neu in das Lokal kommende
Kameraden uns von einem Bombenanschlag auf das Stadttheater berichteten. Der
gesamte zweite Rang war in die Paterre ge- rissen und es gab ca. 70
Schwerverletzte. Wir liefen so schnell wir konnten zum Lazarett, hier lagen die
Ver- wundeten auf dem Hof und warteten auf die Ärzte. Mein Gebet an diesem Abend
war besonders an meine Mutter gerichtet, ich wusste, sie war der Schutzengel,
der mich in das Weinlokal geführt hatte. Die Karte wurde für mich zur wertvollen
Erinnerung.
Nach acht Wochen
Lazarett - Aufenthalt wurde mir mitgeteilt, dass meine Einheit
verlegt sei und meine Entlassung zur Ersatzschwadron nach Neuhaus bei Paderborn
erfolgen würde. Dieses brachte mich der Heimat wieder ein Stück näher, und zunächst gab
es erst einmal 21 Tage Genesungsurlaub. Mit meiner Rückkehr zur Ersatzschwadron
kamen auch die Sorgen wieder, wohin würde ich jetzt geschickt. Ich hatte Glück.
Die neue Untersuchung auf Tauglichkeit bracht mir weitere drei Monate GVH
(Garnisonverwendung Heimat) ein. Unser Spieß, der inzwischen aus Münster die
Nachricht bekommen hatte, dass die Wohnung meiner Mutter wieder restlos zerstört
war, ein erneuter Bombenschaden C stand an, fand aber, dass nach meinem
Genesungsurlaub ein Bombenurlaub nicht zulässig sei. Was war zu tun? So rief
ich am selben Abend bei dem Schwiegervater meiner ältesten Schwester in Hemer
an. Er bekleidete den Rang eines Obersten im Stab der Sondereinheit-
Heldenklau (Unruhe) und war ein
wichtiger Mann, denn diese Einheit war in der Lage, selbst Offiziere binnen 48
Stunden an die Front zu beordern. Ich schilderte ihm den hier vorliegenden
Sachverhalt und war erstaunt, dass bereits am nächsten Morgen eine
Mercedeslimousine mit Stander auf unseren Kasernenhof fuhr. Als Offizier des
ersten Weltkrieges wusste er um die Wirkung, die er hatte, ein Offizier mit
roten Biesen an der Hose trug er sein Monokel so gekonnt das die Wirkung
vorgegeben war. Ich werde das verdutzte Gesicht nicht vergessen, welches unser
Spieß machte, als er verkündete, seinen Neffen, den Reiter Willy Eichel
sprechen zu wollen. Das Gespräch, welches er mit unserem Kommandeur führte,
war kurz, und bereits nach einer halben Stunde fuhr ich mit ihm im Dienstwagen
zu 18 Tagen Bombenurlaub nach Münster. Nach meiner Rückkehr befand unser Spieß,
dass alles, was länger als acht Wochen GVH war, in seiner Kompanie nichts mehr
zu suchen hätte. Bereits am anderen Tag hielt ich meine Marschpapiere zur
Auffangstelle VI in den Händen und hörte auf der Stube, dass ein Kollege zur
Auffangstelle V kam, die in Bayern war. Oh Gott, wo würde ich landen? Niemand
konnte mir sagen, wo sich diese Auffangstelle VI befand, und so packte ich mein
Marschgepäck und fuhr mit der Straßenbahn in Richtung Paderborn zum Bahnhof. Während
ich hinten auf der Plattform mit einigen Kameraden zusammenstand, kam auch die
Frage über die Auffangstellen, und plötzlich hörte ich, wie jemand sagte:
"Ich komme zur Auffangstelle VI nach Münster." Ich hatte mich nicht
verhört. Das konnte doch nicht wahr sein. War unser lieber Wachtmeister und
Spieß doch kein so schlechter Mensch? Hatte er wohlwollend, dass ich aus Münster
kam, mich dorthin versetzt? Ich entdeckte ihn in der Straßenbahn vorn, und es
war für mich selbstverständlich, dass ich mich sofort bei ihm für dieses
Entgegenkommen bedankte. Seinem entsetzten Gesicht aber entnahm ich, dass diese
Versetzung von ihm nicht geplant war. Es war nicht die letzte Begegnung mit ihm.
Wir sollten uns unter anderen Umständen noch wiedersehen. Ab jetzt war für
mich der Krieg erträglich geworden, und bei meiner Ankunft in der Auffangstelle
VI, es war die Schliefenkaserne an der Weseler Straße, traf ich auf der
Schreibstube einen Unteroffizier, dem ich meinen Marschbefehl gab.
Einen dieser härtesten Einsätze
fuhren wir mit unseren Löschzügen nach einem Nachtangriff. Wir erhielten den
Einsatz- und Löschbefehl mit Standort Ludgeriplatz, um hier das Hotel Küpper-Fechtrup
und das angrenzende Feinkostgeschäft Hassenkamp zu retten. Mitten in diesem Löscheinsatz
hielt plötzlich ein Wagen an der LF 25. Heraus stieg ein hohes Tier in brauner
Uniform mit goldenem Lorbeerkranz um seine Hakenkreuzbinde und verlangte vom
Feldwebel Hufnagel den sofortigen Abzug der Löschfahrzeuge mit Einsatz am Gauhaus. Was der Goldfasan da zu hören bekam, machte ihn derart konsterniert,
daß er ohne ein Wort zu sagen, in sein Fahrzeug stieg und davonfuhr. Wir haben
unseren Einsatz so gut es ging, zu Ende gebracht. Allerdings konnten wir das,
was wir gerettet hatten, bei den nächsten Angriffen nicht mehr schützen. Die
Zahl der Splitterbomben, die vermischt mit Brandbomben fiel, war zu groß, und
gegen diesen Einsatz war kein Kraut mehr gewachsen. Eines Freitags mittags bei
der üblichen Besprechung zur Verteilung der Luftschutzgruppen für die kommende
Woche war auch plötzlich eine Meldung der Reiterschwadron Neuhaus bei
Paderborn. Beim Verlesen der Namen hörte ich bekannte Namen, und so bat ich
unseren Feldwebel Hufnagel, mich dieser Gruppe als Ausbilder zuzuteilen. Mit dem
Obergefreiten Kölbel, unserem Wiener, bekamen wir dann das Ausbildungskommando,
und der Montag morgen bescherte meinem ehemaligen Wachtmeister und Spieß ein
langes Gesicht.
Derjenige, der beim Löscheinsatz am meisten zu laufen hatte,
war der Melder. Dieser Melder musste laufend zwischen Brandherd und der
Einsatzleitung hin und her pendeln, um eine genaue Lage des Brandes vor Ort
anzugeben. Was lag näher, als dass mein geliebter Wachtmeister Dahmen den Posten des
Melders bekam. Es versteht sich von selbst, dass er beim Gasentgiftungsdienst
immer mit schwerem Gummianzug und Gasmaske das von uns versteckte Übungsgas
Lost aufspüren musste, wobei sich mein ehemaliger Unteroffizier und Furier den
Bauch vor Lachen hielt. Bei seinem Abschied nach acht Tagen erklärte mir
besagter Unteroffizier, dass sich Wachtmeister Dahmen geäußert habe: "Wenn der mir noch
einmal unter die Finger kommt, ist er reif", worauf er ihm geantwortet
hatte: "Den Jungen siehst Du in Deinem Leben nicht wieder."
An einem Morgen bestellte mich unser
Unteroffizier Heinz Zumnorde-Mertens in die Schreibstube, um mir mitzuteilen,
dass
meine GvH - Zeit in Kürze ablief und ich zur Nachuntersuchung anstände. Eine
zwischenzeitlich in der Klinik erfolgte Untersuchung hatte ergeben, dass sich
bei mir ein schwerer Herzfehler bemerkbar gemacht hatte, der mir jetzt sehr zu
passe kam. Bei meinem Eintritt in das Arztzimmer empfing mich ein freundlicher
Herr im weißen Kittel, und ich wollte gerade mit meiner Meldung loslegen, als
er mir erklärte: "Ich bin der Assistenzarzt, der Oberstabsarzt kommt
gleich." Und dann kam er, sah das G-Buch, nahm es in die Hand und sagte:
"Eichel, sind Sie der Sohn von der Wirtin Mutter Eichel von der Krummen
Straße?" "Jawohl, Herr Oberstabsarzt." Ich wurde dann gebeten,
mich zu setzen. Ungewöhnlich! Und ich musste ihm erzählen, wo ich bis jetzt
gewesen war, was ich erlebt hatte, wie es meiner Mutter ginge und schöne Grüße
an sie." "Nicht vergessen", waren seine Worte. Es war jener
Frauenarzt Dr. Vonnegut, der auch der Arzt meiner Mutter war und Stammgast in
unserer Gaststätte. Etwas später stand das Ergebnis am schwarzen Brett. Weiter
sechs Monate GvH. Heute möchte ich behaupten, dass viele Münsteraner, die im
Stabsquartier ihren Dienst taten, diesem hervorragenden Menschen und Arzt ihr
Leben verdankten. Bei unserem Oberfeldwebel Hufnagel, er war inzwischen befördert,
hatte ich einen Stein im Brett, und so hatte er mich inzwischen zur Beförderung
vorgeschlagen. Anlässlich des Tages der Wehrmacht wurde Willy Eichel Gefreiter in der
Großdeutschen Wehrmacht. Es galt jetzt vorsichtig zu sein, denn wie hatte meine
Tante immer gesagt: "Du moss men sain, datt de klein un unscheinbar blivst.
Up de Haugen scheit se to iärst."Gleichzeitig mit meiner Beförderung zum
Gefreiten erhielt auch mein Stubenkollege Hännsjes das Kriegsverdienstkreuz.
Selbiger,ein waschechter Rheinländer, legte darauf aber keinen großen Wert.Und
so passierte es, daß wir nach Rückkehr auf der Stube ich, meinen
Gefreitenwinkel an die Jacke nähend, er auf dem Bett sitzend, sich eine
Zigarette drehend, mit den Anderen unterhielten, ob man heute zum Ausgang kommen
würde, oder ob wieder ein Luftschutzeinsatz anstand. Da wurde plötzlich die Tür
aufgerissen. Herein kam unser Oberfeldwebel Hufnagel in Begleitung unseres
Oberleutnants Verspohl. Man wollte Glückwünsche aussprechen, einmal mir zum
Gefreiten, zum anderen dem Obergefreiten Hännsjes für sein
Kriegsverdienstkreuz, doch, oh Schreck, so sehr Hännsjes auch an seiner Jacke
runtersah, das Kreuz mußte ihm abhanden gekommen sein. Oberleutnant Verspohl
sagte im beruhigendem väterlichen Ton: "Na, na, na, Hännsjes, so geht man
damit doch nicht um". Hännsjes erwiderte: "Herr Oberleutnant, lassen
se misch ens ewe lure jon, ich find`dem all, isch kann mir schon denke, wo ich
dat verlore hann". Er kam auch nach kurzer Zeit wieder, hatte es
angeheftet. In, so gut es ging, zackiger Haltung: "Jetzt sin mer wieder
komplett," worauf Herr Oberleutnant Verspohl antwortete:"Hännsjes, is
das denn nich eine dolle Sache?" Dieser antwortete zum Schrecken aller auf
der Stube Anwesenden: "Ja, Herr Oberleutnant, von Ihnen aus gesehen mag dat
schon so sein. Für mich wäre es besser gewesen, Sie hätten mir dafür en Päcksjen
Tabak jejeben." Es wurde still, daß man eine Stecknadel fallen hören
konnte. Oberleutnant Verspohl sowie Oberfeldwebel Hufnagel sahen sich an. Man drehte
sich um und ging. Zurückblickend sagte dann unser Oberfeldwebel, Hännsjes:
"Wir sprechen uns noch".
Als frisch gebackener Gefreiter fuhr ich mit einer Gruppe privilegierter Ausbilder des Luftschutzlehrstabes unter Führung unseres Oberfeldwebels Josef Hufnagel zu einem vierwöchigen Lehrgang in die Reichsluftschutzschule nach Potsdam. Hier war die Hindenburgkaserne unser Standort. Der Unterrichtsbereich erstreckte sich über neue Kampfstoffe sowie Techniken der Beseitigung, und wir fragten uns, sollte tatsächlich daran gedacht sein, Giftgas ein zu setzen. Uns war nicht wohl bei dem Gedanken, aber wir hatten diese Entscheidung nicht zu treffen. Für mich war gleichzeitig ein Lehrgang in der Filmstadt Babelsberg belegt worden, eine Supersache, bei der ich mit vielen großen Schauspielern der damaligen Zeit zusammenkam, Hans Albers, Maria Landrock, Grete Weiser, Otto Gebühr, Adele Sandrock, Heinz Rühmann, Zarah Leander. Sie alle waren tägliche Gäste in der Filmstadt, und das Essen in der Filmkantine war besonders gut, zumal die Schauspieler doppelte Lebensmittelrationen erhielten. Aber auch hier zeigten sich die Abend- und Nachtstunden in veränderter Form. Es gab Fliegeralarme mit verschiedenen Bombenabwürfen, aber trotz dieser schweren Angriffe blieb Berlin immer noch Weltstadt, da am anderen Morgen das bekannte Berliner Tempo wieder überhand nahm. Hier hörte ich auch zum ersten Mal den Schlager "Schön war die Nacht, die lauschige Nacht. Es leuchten die Sterne. Ich hab sie gerne", der mit folgendem Text umgedichtet war: "Schön war die Nacht. Es kommen schon wieder feindliche Flieger zu uns ins Reich." Aber auch "Heimat, Deine Sterne" oder "Einmal wirst Du wieder bei mir sein", "Tapfere kleine Soldatenfrau", "Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen`", das alles waren Lieder, vielleicht im Hinblick auf die jetzt groß propagierten Wunderwaffen V1 und V2. Die schöne Zeit in Babelsberg ging viel zu schnell zu Ende, und nach unserer Rückkehr kam besagtes Attentat auf den Führer des Großdeutschen Reiches, Adolf Hitler. Das 6. AK glich einem Ameisenhaufen. Auf verschiedenen Stuben wurde gepackt. Es herrschte Aufbruchstimmung. Mein Stubenkamerad Hänsges gab mir zu verstehen: "Jung, gong no Hus, sä han dem Plätemann kapottjemaaht." Ich traute mich nicht, und das war gut so, denn nach einer Stunde Hektik hieß es: "Der Führer lebt." Wie gut, daß ich geblieben war. Jetzt wurde Jagd gemacht auf alles, was sich von der Truppe entfernt hatte. Der militärische Gruß war abgeschafft. Es wurde nur noch mit ausgestrecktem Arm und Heil Hitler gegrüßt. Eine Parole jagte die andere, dann war es so weit. Der Heeresluftschutzlehrstab wurde im Stabsquartier aufgelöst und nach Warendorf in die Remonte verlegt. Wir bezogen die oberen Räume eines Kasernenblocks, in dessen unteren Teil der General der Panzer, Bohlmann, residierte. Die Führung des LS-Stabes war restlos ausgewechselt worden. Ich selbst hielt meine Position als Ausbilder und Filmfachmann in der Truppenbetreuung. Nach ein paar Tagen schon konnte ich von der Wehrkreisfilmstelle VI, Am Breul, meine neuen Tonfilmgeräte abholen. Auch hatte ich schon sehr bald den Ruf, ein exzellenter Radiofachmann zu sein, und defekte Radiogeräte stapelten sich in meinem Zimmer. Es kam mir zugute, daß ich an alle gängigen Radioersatzteile und Röhren kommen konnte. Der wöchentliche Spielfilmabend wurde schon bald auf Anraten des Generals um einen zweiten erweitert. Die Wünsche unserer hohen Herren bezüglich bestimmter Filme ließen mir für den anderen Dienstplan kaum noch Zeit. So gut es ging, erfüllte ich diese, was mir eine Menge Pluspunkte einbrachte. Das größte Risiko lag jetzt darin, ohne Tieffliegerangriffe von Warendorf unbeschadet nach Münster und zurück zu kommen. Die Angriffe auf unsere schöne Stadt hatten verheerende Formen angenommen, und ich erhielt erneut einen Bombenurlaub C. Die Wohnung meiner Mutter war wieder einmal restlos zerstört, doch der Koffer mit meinen privaten Sachen war immer noch da. Meine Mutter hatte ihn immer wieder in den Bunker mitgenommen. Was unsere Mütter und Frauen in diesen Bombennächten und Tagen erlebten ist unvorstellbar,die Front des Krieges hatte sich im wahrsten Sinne des Wortes in die Heimat verlagert. Bei meinem wöchentlichen Besuchen auf der Wehrkreisfilmstelle VI, Am Breul, kam eines Tages plötzlich über den Rundfunk die Meldung vom Anflug starker feindlicher Bomberverbände in Richtung auf Münster. Die nette Büroleiterin drängte mich,da ich damals schon immer gut aufgelegt die neuesten Witze auf Lager hatte den am Haus befindlichen Luftschutzbunker aufzusuchen, einen 3 Meter tiefen Raum von 4 x 4 Metern und einer gut 2 Meter dicken Betonhaube. Einige meiner Kameraden aus anderen Truppenteilen, die ebenfalls in der Filmbranche waren, hatten bereits Platz genommen, und es war eine ziemlich lustige Gruppe zusammen. Die dann erfolgte Zwischendurchsage, daß die angreifenden Verbände abgedreht hätten, benutzte ich dazu, meine Filme zu nehmen und in Richtung Lothringer Bunker weiter zum Bahnhof zu gehen. Ein tiefes, weit entferntes Brummen ließ mich schneller schreiten, und beim Eintreffen am Bunker rief der Luftschutzwart: "Machen Sie zu! Die Bomberverbände kommen wieder auf Münster zu." Kaum war die große schwere Stahltür hinter uns geschlossen, als die ersten Bombeneinschläge zu vernehmen waren. So etwas ist nicht zu vergessen, denn beim Verlassen des Schutzraumes wurde ich mit den vielen Toten und Verwundeten konfrontiert. Noch in Maske und Kostüm hatten sie versucht, aus der Probe des Stadttheaters den rettenden Bunker zu erreichen, es jedoch nicht mehr geschafft. Bei meiner Ankunft in Warendorf wurde ich wie ein fremdes Wesen angestarrt. Hier war bereits die Meldung eingegangen, daß ich im Notbunker am Breul ums Leben gekommen sei. Die Filmstelle VI des AK war restlos zerstört, und in Zukunft mußte die Filmstelle Düsseldorf- Benrath diese Verteileraufgabe mit übernehmen. Aber das sollte nicht sehr lange dauern. Die anrückenden amerikanischen Verbände zwangen uns, Vorbereitungen für einen Rückzug zu treffen. Aus heiterem Himmel kam für uns alle die Nachricht zur Nachuntersuchung. An dem fraglichen Tag meiner Untersuchung war auch ein hoher Parteiführer mit sehr viel Gold an der Mütze und Uniform mit im Untersuchungszimmer. Wie dieser Paradiesvogel meiner ansichtig wurde, lief er förmlich blau an und brüllte: "Sie Drückeberger, Sie Feigling! So ein junger Spund lungert hier herum. Ab zum Einsatz nach Berlin!" Heute weiß ich, daß nur das couragierte, entschiedene Eingreifen des Oberstabsarztes, der in seiner Lautstärke noch ein paar Phon mehr hatte, mich davor bewahrte, an die Front nach Berlin zu kommen. So hieß es zwei Tage später: U 49 AV! Damit war mit meiner Kampfkraft um den Endsieg nicht mehr zu rechnen. Ich konnte, wenn ich wollte, jetzt von der Wehrmacht entlassen werden, sagte mir aber, besser als Soldat in Gefangenschaft als im Volkssturm auf Panzerfaust geschult werden. In aller Eile wurden die Pläne zum Abrücken und Aufbruch unseres Lehrstabes fertig gestellt, und, nachdem die ersten Fahrzeuge aus den umliegenden Wehrmachtsbereichen bei uns eingetroffen waren, hieß es eines Morgens: "Abmarsch!" Es ging in Richtung Bückeburg. Hier war der erste größere Rastpunkt angesetzt, und neue Fahrzeuge sollten sich hier mit uns vereinen. Unter unserem Oberkommando sollten wir diese Absatzbewegungen durchführen. Ich hatte meine Anneliese mit der ich mich inzwischen verlobt hatte als Nachrichtenhelferin getarnt in unseren Konvoi mit eingeschleust. Meinen 21. Geburtstag erlebte ich somit in Bückeburg, und es sollte noch eine richtige Feier daraus werden, denn die Fahrer unserer Löschfahrzeuge, vorwiegend LS 25, hatten herausgebracht, daß eine große Brennerei ihre gesamten Bestände an Alkohol aus den Tanklagern ins Freie leiten würde. Die Gefahr, daß der Alkohol den anrückenden Amerikanern in die Hände fallen würde, war zu groß. Man hörte laufend von Plünderungen, Vergewaltigungen und sonstigen Ausschreitungen. Also musste auf höchste Anordnung alles vernichtet werden. Unseren Fahrern gelang es aber, den Brennereibesitzer davon zu überzeugen, was eben möglich war, in unsere Wassertanks der Löschfahrzeuge einlaufen zu lassen. Der Abend meines Geburtstages sah uns dann in Bombenstimmung bei Bückeburger Rum. Der Bauer, bei dem wir einquartiert waren, besaß ein Klavier, und abseits von dem Trubel spielte ich meine Lieblingslieder: "Heimat, Deine Sterne!, "Wenn die Sonne hinter den Dächern versinkt" und "Gute Nacht, Mutter". Jetzt galt es nur, heil aus dem Schlamassel nach Hause zu kommen und so waren meine Schlussworte im Gebet immer "Mutter hilf mir, das ich Heil nach Hause komme" Es ging weiter nach Norden, und meine Filmausrüstung kam uns hierbei gut zu passe. Stand eine Rast von zwei bis drei Tagen an, baute ich in einer Scheune meine Film- Geräte auf. Drei Tonfilme hatte ich bei: "Heinz Rühmann" – "Ich vertraue Dir meine Frau an", Hans Albers – "Sergeant Barry" und Zarah Leander - "Damals". Schnellstens ging es von Haus zu Haus: Es gibt Kino, Eintritt: ein Ei, Wurst oder Schinken oder Butter. Zu essen hatten wir immer. Unser Hauptmann hatte mich zum Organisator für den Stab ernannt, und mit seinem Fahrer und unserem Acht- Zylinder- Horch fuhr ich die Gegend ab. So kam ich eines Tages an ein großes Verpflegungslager bei Celle. Die Tore waren geschlossen, und hinter dem geschlossenen Tor stand ein Posten und ließ niemanden herein. Ein Glücksfall, als ein Leiterwagen, der mit 20 Arbeitsmännern besetzt war, das Tor passieren durfte. Ich hatte mich mit einem Satz aufgeschwungen und rollte nun mit diesem Wagen auf das Depot zu. Ich wusste nicht, was mich erwarten würde und war erstaunt, in den riesigen Hallen eine Gruppe von 10 Soldaten und einem General anzutreffen. Eine zackige Meldung: "Herr General, Gefreiter Eichel vom VI. AK bittet für den Stab Verpflegung fassen zu dürfen." "Greifen Sie zu. Ich tu' das auch," war seine Antwort. Ab nach draußen, zum Posten gewandt, rief ich: "Der Fahrer des Horch vom VI. AK soll sich sofort beim General melden." Das Tor ging auf, und unser Wagen fuhr vor. Sag' einer, Kadavergehorsam wäre nichts Nützliches. Schade, dass wir keinen Lkw hatten. Hier war einfach alles, Schweine und Rindfleisch in Dosen, Gänseleber, Schinken in roher und gekochter Form, Erbsen, Bohnen und das Beste, Rohkaffee. Bald war in unserem Horch kein Plätzchen mehr frei. Für mich hatte ich ca. 20 Pfund Bohnenkaffee aus dem Sack entnommen und in meine Zeltplane gewickelt. Wie gut das war, zeigte sich, als ich zum Stab zurückkam, wo unser Hauptmann zunächst einmal alles für sich in Anspruch nahm und erklärte: Die Rationen werden von ihm zugeteilt. Weiter ging es nach Norden, und auf einer großen Kreuzung stießen wir beim Stop auf die Reste des Stabsquartiers des VI. AK. Es war ein freudiges Wiedersehen mit unserem Oberfeldwebel Josef Hufnagel. Hier hörte ich auch vom Tod des Feldwebels Mannefeld. Wie sagte Oberfeldwebel Hufnagel beim Abschied zu mir: "Eichel, steck den Kopf nicht mehr zu weit aus dem Loch!" Auf der Weiterfahrt schossen uns Tiefflieger ein Fahrzeug nach dem anderen aus dem Konvoi. Wie gut, daß die englischen Tiefflieger nicht sehen konnten, in welchem Fahrzeug unser Schnapslager war. So konnten wir immer noch tauschen und bekamen dafür fast alles. Eines Tages hatte sich ganz still und heimlich unser Hauptmann mit dem Horch und einer riesigen Menge Verpflegung abgesetzt. Wir erfuhren jetzt von dem Dienstältesten, einem Wachtmeister, dass dieser besagte Hauptmann sich bereits in Bückeburg hatte entlassen lassen und Zivilist war, aber in voller Uniform und unter dem Schutz des VI. AK bis hier oben mitgefahren ist. Nachdem die Meldungen sich überschlugen, die Russen hätten bereits z. T. Berlin eingenommen, die Amerikaner den größten Teil des Westens besetzt, schien es für uns klar, dass es nicht mehr allzu lange dauern würde. Der unselige Krieg neigte sich dem Ende zu. Da ich als AV-Mann immer noch in Uniform war, beschloß ich, mich bei nächster Gelegenheit zur Entlassung zu melden. Dieses sollte in Lübeck, Bad Schwartau, Wirklichkeit werden. Die Fürsorge meiner Mutter, die bis ins Feld an die Front gegangen war, ließ mich an meinen kleinen Koffer denken. Hierin waren ein brauner Anzug mit Nadelstreifen, ein Hemd, eine Krawatte, Socken, Schuhe, Hut und Mantel. So konnte ich mich nach meiner Entlassung in Lübeck sofort als eleganter Zivilist zeigen. Wie oft habe ich mich im Stillen während meines Fußmarsches nach Münster bei ihr bedankt, denn während die meisten Soldaten in ihrem Räuberzivil angehalten und gefangen genommen wurden, kam ich unter Vorzeigen meines Wehrpasses unbescholten durch, wobei mir meine passende Kleidung und die Anwesenheit meiner Braut Anne, wir hatten uns inzwischen verlobt, von großer Hilfe war. Vorbei an unseren neuen Düsenjägern der Me 262, die auf der Autobahn in Reihe standen und nicht mehr zum Einsatz kamen. Die jetzt einsetzenden Plünderungen nahmen verheerende Formen an .In einem kleinen Dorf durch das wir kamen erlebten wir eine großangelegte Plünderung durch Polen .Nur das schon frühzeitig in den anliegenden Wäldern sehr gut getarnte Bunker und Unterkünfte für die Frauen angelegt waren entgingen sie den Vergewaltigungen die an der Tagesordnung waren. Wie wir einen Tag später erfuhren, hatte eine voll unter Waffen stehende SS Einheit einen Tag nach unserem Weggang alle Polen die sie beim Plündern und morden der Bauern in diesem Dorf erwischt hatte, erschossen. Wir kamen dank eines Schäferhundes der uns zugelaufen war unbehelligt weiter in Richtung Heimat und so konnte meine Mutter mich drei Tage vor Pfingsten 1945 wieder in ihre Arme schließen. Ich dachte für mich:" Danke Lieber Gott, ich mache es wieder gut "Ich war der einzige Junge in der Familie, der vier Jahre fort war, und es galt zu überlegen, was machen wir jetzt?
Es dauerte
nicht lange da war ich von irgendjemand bei der MP gemeldet. Die Engländer
holten mich mit einem Jeep zum Arbeitsamt an die Warendorferstraße . Ich
sollte in den Bergbau nach Bochum. Hier wurde ich vor meinem Abtransport
von meiner jüngsten Schwester gerettet. Meine jüngste
Schwester, die als Chefdolmetscherin im 122. Transitcamp war, besorgte mir eine
Stelle als Pianist in der Offiziersmesse, und abends saß ich hier mit
"Lili Marlen", "Denn wir fahren gegen Engeland" und den für
Engländer größten Hit "Alte Kameraden". Dem baumlangen Captain
Saunders hatte es dieses Lied besonders angetan. Nach jedem Spielen bekam ich für
das Lied 50 Zigaretten, eine Superbezahlung. Nach und nach begann ich jetzt
meine erste Kapelle " Die Bobbys" aufzubauen um bald darauf mit
den" Rhytm King`s" ein Orchester der Spitzenklasse in allen guten
englischen und amerikanischen Clubs in Nordrhein -Westfalen unterwegs zu
sein. Eines schönen Tages war es meine
Mutter, die mir die Nachricht eines Herrn vom Roten Kreuz brachte, ob er mich an
einem der nächsten Tage sprechen könnte. Dieses Gespräch sollte für mich von
entscheidender Bedeutung sein. Zu dieser Zeit hatte die damalige Frau des
Bundespräsidenten Frau Elly Knapp - Heuss die Mütterkurheime des
Deutschen roten Kreuzes ins Leben gerufen. Hierher kamen nun unsere Frauen und
Mütter die den Krieg mit allen Schrecken kennengelernt hatten. Ein Teil noch
hatte zuletzt ihre Männer als Soldaten an der Front verloren, oder waren noch
in Gefangenschaft. Mir wurde die Bitte angetragen, einmal im Monat für
diese Mütterkurheime des DRK in der Unterhaltung tätig zu werden. Das Mütterkurheim
Frohnhof bei Wolbeck war meine erste Wirkungsstätte. Ich sehe sie noch heute
vor mir, die vielen traurigen Gesichter, abgehärmt und unterernährt. Mütter,
die Kinder geboren hatten und selber noch halbe Kinder waren. Nie werde ich
diesen ersten Abend vergessen. Alles, was ich kannte, waren Soldatenwitze, und
ich versuchte nun, aus diesen einen Vortrag zusammenzubauen. Die Witze und
Glossen über unsere Großen des Dritten Reiches waren es, die das Eis brachen.
Mein Lazarettaufenthalt kam mir da sehr gelegen, denn dort hatte ich die meisten
gehört. Vom Klavier zum Vortrag, gar nicht so einfach, aber es war geschafft.
Die Schwestern, mit denen mich später viele Jahre in Freundschaft verbanden, waren alle
einmalig nett und hilfsbereit. Mit diesen Schwestern fuhr ich meine Betteltouren
zu den Bauern, und schon nach einem halben Jahr konnte ich der Oberschwester
sagen, dass wir den nächsten Abend mit meinen Musikern aus der Kapelle und ein
paar Künstlern machen würden. Ich weiß auch nicht, wie es kam, daß immer,
wenn einer meiner Freunde nicht mehr wollte, sofort ein anderer da war. Diese
Sache stand unter einem guten Stern. Die Mütterkurheime des DRK, die nun in
immer mehr Kurorten entstanden, hörten von unserem kostenlosen Wirken, und ständig
erreichten uns neue Anfragen. So waren wir bald in allen diesen Heimen, die in
gut vier Stunden Autofahrt erreichbar waren, für das DRK unentgeltlich tätig.
Für die Schwestern und Mütter dieser Heime war es einfach unvorstellbar, daß
es eine Gruppe junger Menschen gab, die kostenlos ihre Freizeit und Nachtruhe
opferten, um ihnen ein paar frohe Stunden zu bereiten.
Das hat mich nie mehr
losgelassen. Ich erfüllte damit gleichzeitig mein dem Herrgott gegebenes
Versprechen , mich immer um die zu kümmern die in Not sind .Die von mir gegründete Karnevalsgesellschaft Paohlbürger hat
dieses soziale Engagement von 1954 an als erste Gesellschaft in Deutschland übernommen
und bis zum heutigen Tag durchgeführt. So kam es, daß im Jahre 1973 durch den
mehr als guten Kontakt zum Luftwaffenmusikcorps III, insbesondere seinem Chef,
Herrn Oberstleutnant Ottomar Fabry, die Idee von Großveranstaltungen in der
Halle Münsterland mit mehr als dreieinhalbtausend Menschen geboren wurde.
Senioren und Behinderte erlebten hier Nachmittage der Freude und des Frohsinns.
Es war nicht einfach, den Vorstand von einer solchen Veranstaltung zu
überzeugen. Nur durch die Unterstützung des Ehrensenats, hier sei an erster Stelle der
damalige Prokurist Hans Schweifer und der Direktor des Landschaftsverbandes
Walter Hoffmann als Ehrensenatspräsident genannt, war es möglich, diese großartige
soziale Sache ins Leben zu rufen. Tragend Säule in finanzieller Hinsicht aber
war der Inhaber der Firma Pebüso Betonwerke, Herr Heribert Büscher, der das
Fundament schuf. Im weiteren Verlauf seien in dieser Angelegenheit genannt und
nicht vergessen: Die Firma Paul Bröskamp, Telgte, die Stadtsparkasse Münster
unter ihrem damaligen Direktor Ferdi Schade,dem Dir.der BFG Klaus Dietrich
Nacken und unserem damaligen Oberbürgermeister
Dr. Werner Pierchalla sowie unserem Vizepräsidenten des Ehrensenats Hans
Schweifer, dem Blumen Im & Exporteur Harry Gooyer. Auf keinen Fall sollte aber
auch die ungeheure Leistung aller Akteure, d. h. Büttredner, Sänger und
Parodisten, vergessen werden, die ich für diese großartige Sache begeistern
konnte sowie die Damen unserer Gesellschaft, die sich immer wieder kostenlos
unter Aufopferung von Freizeit als Bedienung für diese Nachmittag zur Verfügung
stellten. Ihnen allen werde ich in meiner Homepage unter www.eichelwilly.de
Und als Schlusswort möchte ich die Worte meiner Mutter setzen, die sie
uns als Kinder oft gesagt hatte: "Wenn enen in Naud iss, dee mott man helpen."
Vergessen will ich aber auf keinen Fall meine berufliche Anfangszeit nach meiner Verpflichtung bei den Englischen Einheiten. Nachdem ich mit meinen Freunden die Auflösung der Big Band und die Rückkehr in den erlernten Beruf besprochen hatte, war ich durch einen Freund auf eine offene Stelle bei der Fa.Theodor Althoff aufmerksam gemacht worden. Die Ausschreibung war mit dem Aufbau und einer Einrichtung der Lampen und Elektroabteilung ausgewiesen. Hier war es meine Mutter, die mir helfen konnte und den Geschäftsführer des Hauses, Herrn Clement, noch als Stammgast aus unserer Gaststätte kannte. Weiter kam mir meine Ausbildung in der Wehrmacht als Filmvorführer zu Gute, da sie auch eine Ausbildung als Elektrotechniker beinhaltete. So begann ich meine hoffnungsvolle neue Tätigkeit und konnte schon nach kurzer Zeit die Zufriedenheit meines Vorgesetzten in Form einer Gehaltszulage entgegennehmen.

Es waren die Anfangsjahre der
Gewerkschaften,
Betriebsräte wurden installiert und es dauerte nicht lange, da wurde ich zu einem
Gespräch mit dem Chef Herrn Clement in sein Büro bestellt . Er bat um äußerste
Vertrau- lichkeit und schlug mir vor, bei der demnächst anstehenden Betriebratswahl
für den Posten des Vorsitzenden zu kandidieren. Ich erbat mir 1 Woche
Bedenkzeit, und nachdem viele meiner Arbeitskollegen offene Zustimmung erkennen
ließen, sagte ich zu. Da der Vorsitzende bisher immer ein
Abteilungsleiter war, war auch der Grund für mich klar, der die Spannungen zwischen dem
Verkaufspersonal und den Abteilungsleitern ausmachte. Beleidigungen von
Abteilungsleitern gegenüber den Kollegen vor den Kunden waren die
häufigsten Beschwerden, mit denen der Betriebsrat beschäftigt wurde. Diese
Vorkommnisse waren dem Chef Herrn Clement ein Dorn im Auge. Immer wieder
hatte er die Abteilungsleiter darauf hingewiesen, dass er eine Zurechtweisung des
Personals vor der Kundschaft nicht wünsche. Als neuer gewählter Vorsitzender
hatte ich nach einer Rücksprache mit der Geschäftsleitung folgendes besprochen.
Die Entschuldigungen, die sonst immer im Frühstücksraum oder sonstigen stillen
Räumen zurückgenommen wurden, mussten bei mir, an dem Ort des Geschehens,
zurückgenommen werden. Ganze zweimal haben wir danach eine "Entschuldigungs- veranstaltung mit Publikum" im Verkaufsraum gehabt, danach nie
wieder. Meine Kolleginnen und Kollegen waren richtig stolz, wie Ihnen jetzt
Gerechtigkeit widerfuhr. Meine Beliebtheit gegenüber den Abteilungsleitern
förderte das nicht . Insbesondere mein Abteilungsleiter ließ mich das oft spüren.
Mich störte das aber nicht, da ich bedingt durch meine karnevalistische Tätigkeit
als Büttredner mit jeder Rundfunksendung bekannter wurde, was sich auch auf
meine Umsätze im Verkauf niederschlug. Unvergessen bleibt mir auch ein
jährliches Betriebsfest, bei dem ich selbst mitbeteiligt war. Ich hatte wie in
jedem Jahr den Aushang des Betriebsrates mit dem Hinweis auf die Veranstaltung
mit Vorschlägen für den Tag und den Ort an das Schwarze Brett befestigt und
wartete der Dinge.
Unser neuer Chefdekorateur Pitt Gunkel, ein großer
Fußballer von Göttingen 05, war nach Münster zu Preußen 06 gekommen und
verstärkte den 100.000 Marksturm.
Er war ein Meister im
Ausrichten von
Veranstaltungen und im Haus machte sich eine große Freude breit, auf das,
was da noch kommen sollte. Die meisten Vorschläge brachte der Tag Christi
Himmelfahrt. Unser bisheriger alleiniger Chef hatte infolge einer Änderung von
Vorstandsseite inzwischen einen Chefkollegen bekommen, der in Form eines gut
aussehenden fröhlichen Typen seinen Dienst antrat. Willy Lau war ein
Geschäftsführer wie er im Buche stand. Groß, schlank, elegant ,ein Frauen- schwarm. Ich verstand mich von Anfang an gut mit
ihm und meine Art, wie ich
mich mit meinen Büttreden und Vorträgen im Karneval einbrachte, gefiel ihm
besonders.
Mein Bekanntheitsgrad, der durch Presse und Rundfunk (Fernsehen gab es
noch nicht) gestiegen war, war für die Firma nicht uninteressant. Ob es die katholischen
Schwestern, das Rote Kreuz oder die Behinderten und Seniorenverbände waren, meine
kostenlosen Auftritte bei Ihnen kamen gut an. In dieser Zeit schlug ich unserem
Herrn Clement und Herrn Lau bei einem Gespräch mal vor, als erstes Haus von
unseren Kunden den höflichsten Verkäufer benennen zu lassen. Ich merkte gleich,
mein Vorschlag kam an. Am Abend unseres Betriebsfestes in Handorf gab Herr Lau
als Geschäftsführer diesen Entschluss der Geschäftsleitung bekannt. Die
Abteilungsleiter, die restlos übergangen worden waren, konnten sich zunächst mit
dieser Entscheidung nicht abfinden, merkten aber bald, dass Einwände
zwecklos waren. Der Tag ging mit einem großen Erfolg zu Ende und alle waren
restlos zufrieden. Zwischenzeitlich kamen immer mehr Anfragen von anderen
Häusern an mich mit der Bitte, auch bei Ihren Sommerfesten mit zu wirken. Dann
kam der Tag, an dem mir die Geschäftsleitung mitteilte, dass der Vorstand mit
einigen Herren nach Münster kommen würde, um mit mir über dieses Betriebsfest zu
reden. Dann kam der Anruf, dass ich bitte zur Besprechung in das
Chefbüro kommen sollte. Bei meinem Eintritt sah ich mit einem Blick, es war der
Vorstand. Mein freundlicher mit einem charmanten Lächeln bedachter Gruß wurde
nur mit einem kurzen Murmeln erwidert und man kam gleich zur Sache. "Herr Eichel,
wir haben da eine Beschwerde von katholischer Seite erhalten, dass die Firma
Theodor Althoff in Münster auf einem hochheiligen Katholischen Feiertag ein
Betriebsfest veranstaltet hat. Wie kommen Sie als Katholik auf solch eine Idee." Ich
habe Ihnen den Wunsch der Belegschaft, der mit 90 Prozent schriftlich festgelegt
war, gezeigt und den Herren folgendes erwidert. "Meine Herren, als guter Katholik
haben wir den Kollegen, die wegen der Kinderkommunion nicht teilnehmen konnten,
das Kopfgeld ausbezahlt und selbstverständlich vor unserem Maigang in der Kirche
die Heilige Messe gehört. Ich gebe zu bedenken, dass in der Bibel steht, 6 Tage in
der Woche sollst du arbeiten, doch den 7. Tag, den Sonntag, den halte heilig, da soll
die Arbeit ruhen. Und jetzt frage ich Sie, wie oft verstößt die Firma Theodor
Althoff - Rudolf Karstadt im Jahr gegen dieses Gebot." Hier hatte ich den
Herren die zahlreiche Sonntagsarbeit, im Oktober die Sendtage und Weihnachten vorgehalten. Die
Herren erklärten daraufhin das Gespräch für beendet und ich war aus der
Gesprächsrunde entlassen.
Unsere Geschäftsleitung sagte mir hinterher, dass der Vorstand mit
einer solchen Antwort nicht gerechnet hatte. Mit dem Geschäftsführer Herrn
Lau verstand ich mich besonders gut. Nicht nur, dass ich ihn und seinen Kollegen
Herrn Clement inzwischen in die
von mir gegründete Gesellschaft " Paohl- bürger" aufgenommen hatte, war mein Vorschlag, eine
Modenschau in unserem Hause zu veranstalten und unsere Kunden dazu einzuladen,
zum Ereignis geworden. Ein Jahr später waren wir bereits
in einem Kaffeehaus mit
großem Saal und Reisebus Transportdienst in großem Stil tätig. Für mich gab es
dann eine große Überraschung, ich war von den Kunden des Hauses Althoff zum
höflichsten Verkäufer gewählt worden. Bei der Überreichung des Preises, eine
schwere goldene Armbanduhr, hatte mein Chef Herr Clement Tränen in den Augen und
für meine neu gegründete Karnevalsgesellschaft überreichte er mir am 11.11.1954
12 Tonkrüge mit Narengesichtern und ein Damentaschentuch mit Kalender, in dem die
ersten Feste eingetragen waren. Die
Krüge waren nach kurzer Zeit verschwunden und tauchten Jahre später in der Küche eines
Mitgliedes unseres lieben Harry Schild wieder auf.
Es reihte sich Erfolg an Erfolg und
meine Vorschläge veranlassten den Vorstand, den vielen Anfragen der anderen
Häuser nach einem Auftritt von mir bei Ihren Betriebsfesten stattzugeben. Sehr
bald schon wurde ich Mitglied im Gesamtbetriebsrat und meine Geschäftsleitung
war mit mir mehr als zufrieden. Was der Fußball im Betriebssport mit Rot-Weiß Essen für die
Zentrale war, war ich mit meinen Auftritten und den "Paohlbürgern"
für Althoff Münster. Die Abteilungsleiter, die in der Zwischenzeit immer
wieder versuchten, meine Tätigkeit als Betriebsratvorsitzender zu stören,
verloren immer mehr an Boden bei der Geschäftsleitung.
Seit
Neuestem machten wir auf meinen
Vorschlag hin das jährliche Betriebsfest als Galaprunksitzung mit Tanz. Eine
Idee, die unwahrscheinlich gut ankam, da die Frauen der Belegschaft ihre
Männer und Freunde mitbringen konnten. In diese Zeit fiel auch meine Kirchliche
Hochzeit und ein Jahr später die Geburt meines Sohnes Thomas. Die Zusammenarbeit mit der
Geschäftsleitung, die besser nicht sein konnte, sollte aber durch höhere Gewalt
einen schweren Schaden nehmen. Anlässlich der Verabschiedung eines
Abteilungsleiters in den Ruhestand war diese kleine Feier in der Kantine soweit
gut verlaufen und Herr Clement hatte seine Schlussworte gesprochen und bat mich
jetzt, entgegen den sonstigen Gepflogenheiten, ihn nach Hause zu fahren. Da ich
bedingt durch meine Musik schon ein eigenes Auto hatte, war es für
mich selbstverständlich, seinem Wunsch zu entsprechen. Vor seiner Haustür bedankte er
sich und bat mich noch auf eine Tasse Kaffee nach oben. Hier zeigte er mir sein
Abiturzeugnis und seine Ernennungsurkunde zum Geschäftsführer und eine Menge Fotos. Bei
dieser Gelegenheit erzählte er mir auch, dass alle Abteilungsleiter, die von
ihm und seinem Kollegen Herrn Lau vorgeschlagene Ernennung zum Abteilungsleiter
für mich Einspruch erhoben hatten
mit der Bemerkung, dass ich mich mit jedem im Haus duzte, was auf
fehlende Autorität schließen würde. Er wäre darauf aber mit seinem Kollegen
übereingekommen, mir die Unterschriftsermächtigung für das ganze Haus zu erteilen,
verbunden war damit meine Ernennung zum ersten Verkäufer. Ich war an diesem
Abend richtig stolz. Die größte
Überraschung aber war für mich der Ausweis als Senator der Karnevalsgesellschaft
"Freudenthal", den er mir dann zeigte und jetzt verstand ich auch, weshalb wir uns
so gut verstanden. Nach meiner Verabschiedung fuhr er am nächsten Morgen
zur Tagung nach Essen und am Nachmittag erreichte uns die Nachricht von seinem
Tod, der ihn plötzlich im Hotel ereilte. Ich hatte ein ganz schlechtes Gefühl, ein Freund war gegangen und
sein Kollege Herr Lau war auch vollkommen durcheinander. Es zeichnete sich etwas
ab, was nicht zu erklären war. Inzwischen war ein neuer junger Mann aus der
Zentrale in Essen seit einiger Zeit als Substitut tätig, ein forscher Typ, der
vor allem bei den Frauen enorm im Rennen lag. Es war jener Heinz
Grönemeyer, der in späteren Jahren den Vorsitzenden im Aufsichtsrat
der Firma Rudolf Karstadt verkörperte.
Sein Vetter war der später
weltbekannte Musiker
und Sänger Herbert Grönemeyer. Besagter Heinz Grönemeyer, der allerbeste
Verbindungen zum Vorstand in Essen hatte, erzählte uns dann auch bald, dass ein
neuer Geschäftsführer von Berlin nach Münster versetzt würde. Er wusste weiter, dass
dieser Typ nicht angenehm im Umgang sei und die Belegschaft froh war, dass er
ging. Der Anruf eines Betriebsratskollegen aus Berlin gab mir dann eines Morgens
den Steckbrief des Neuen durch. Atze Schmidt war schon in kurzer Zeit der
Schrecken aller Kolleginnen und Kollegen. Aber auch unser Chef Willy Lau
war erschüttert, was da als Geschäfts- partner auf ihn zukam. Das Haus, welches in
seinen Abteilungen auf die beiden Geschäftsführer verteilt war, brachte mir den
neuen Mann als Chef für meine Abteilung. Ich war schockiert. Das für mich Gute
war, dass der unserer Abteilung zugeteilte Herr Heinz Grönemeyer sich immer mehr
auf unsere Seite schlug. Meine Tätigkeiten und Mitwirkungen bei Betriebsfesten
in anderen Häusern, die er jetzt nicht mehr duldete, zwangen mich immer öfter, den
Gesamtbetriebsrat in Essen anzurufen. Inzwischen kamen immer häufiger Kunden und
erzählten von unschönen Wortgefechten in großer Lautstärke, die bis in die
Winkelstraße zu hören waren. Immer mehr kam es vor, dass der "Neue"
alkoholisiert die Verkaufsräume aufsuchte und das Verkaufspersonal
anmeckerte, ein richtiges Ekelpaket.
Von Seiten der Abteilungsleiter wurde
mit Unterstützung des Herrn Schmidt immer mehr in meine Arbeit als Vorsitzender
des Betriebsrates eingegriffen, so versuchten Sie mit seiner Unterstützung
angesetzte Sitzungen des Betriebsrates aufzulösen. Seine Einwendungen waren, dass
plötzliche Kundenströme dieses nötig machten. Erfolgreich wurden seine Argumente
immer wieder abgewehrt. In dieser Zeit war es auch, als Herr Lau zu
mir in die Abteilung kam und mich zu einem vertraulichen Gespräch bat. Da er mit
seinem neuen Kollegen immer größere Schwierigkeiten hatte, sagte er mir, dass er
gehört habe, dass ich demnächst zu dem großen Betriebsfest der drei Berliner
Häuser fahren würde. Hier würde ich doch auch den Betriebsrats- kollegen
Kaminski treffen.
Er bat mich zu versuchen, ob ich nicht etwas über die dubiose
Versetzung des Herrn Schmidt in Erfahrung bringen könnte. Herrn Grönemeyer, den
ich auf diese Sache schon mal angesprochen hatte, hielt sich aber bedeckt. Es war
allen unverständlich, wie ein Mann in seiner Position plötzlich von einem A -Haus
in ein B- Haus versetzt wurde. Die Versuche seinerseits, eine Aufhebung meiner
Einladung zu erreichen, scheiterten. Ein Telefongespräch mit meinem
Kollegen Kaminski, bei dem er mir das Hotel betreffend der Übernachtung mitteilte,
war im Haus nicht unbemerkt geblieben und plötzlich wollte mich Herr Schmidt
sprechen und forderte mich auf, zu ihm zu kommen. Im Büro der Geschäftsleitung
waren beide Herren anwesend und ohne große Einleitung erklärte mir Herr Schmidt,
dass er ebenfalls eine Einladung erhalten hätte und wir mit dem Firmenwagen im
Auto nach Berlin fahren würden. Es schien, als hätte der gute Arthur Schmidt eine
Ahnung gehabt, dass ich etwas vor hatte. Sein Kollege Herr Lau lächelte und
wünschte mir viel Erfolg. Das Betriebsfest in Berlin, welches in jedem Jahr im
Prälaten in Schöneberg stattfand, war in diesem Jahr besonders groß geplant. Als
Kappelle war das Orchester Kurt Henkel vom Leipziger Rundfunk verpflichtet, dazu
kam das Ballett, der Rest mit Ansage und zwei Auftritten von mir mit einer
"Verkäuferparodie" und der damaligen Glanznummer "Schütze Zietz". Die
Hinfahrt
durch den Korridor war beklemmend und als großer Kenner der Lage war es Atze
Schmidt, der immer wieder mit Einwänden die guten Beziehungen zwischen ihm und
der alliierten Besatzungsmacht herausstellte. In Berlin angekommen, empfingen
uns die Betriebsräte der drei Häuser und der Kollege Kaminski entzog sich sofort
einem Gespräch, welches Herr Schmidt mit ihm führen wollte. Der Abend sah uns
elegant gekleidet wieder und mit dem ersten Ton des Orchesters Kurt Henkel war
ich in meinem Element. War die "Verkäuferparodie" schon ein Erfolg, mit dem
"Schützen Zietz" gelang mir das Tüpfelchen auf dem I. Der Kollege Kaminski, der
von allen Seiten auf seinen Glücksgriff mit mir angesprochen wurde, war dann
auch richtig stolz auf sich. Ich saß derweil mit ihm in einer
gemütlichen Ecke beim Glas Bier. Ich hatte einiges erwartet, aber das, was mir
mein Kollege jetzt auf meine Fragen nach seinem ehemaligen Chef erzählte, hatte
ich nicht erwartet. Der nächste Tag sah mich noch beim Einkauf im KDW, wo ich mit
einer Superbedienung meiner Kollegen ein paar Traumschuhe für meine Frau
erstand. Bei unserer Abfahrt war dann auch alles, was konnte, zur Stelle und mit
dem Versprechen, ich komme wieder, fuhren wir nach Hause. Unser Firmenfahrer bat
Herrn Schmidt noch während der Durchfahrt durch den Korridor, in Helmstedt die
Volkspolizei nicht zu provozieren, da man sonst große Schwierigkeiten bekommen
könnte. Bei unserer Ankunft in Helmstedt
war es Herr Schmidt wieder, der mit seinem Ausspruch "Etwas mehr Beeilung meine
Herren" den Unmut der Beamten hervorrief. Was dann kam, war die Auffor- derung
alles aus dem Kofferraum auszupacken und vorzulegen. Hoffentlich musste ich
die Schuhe für meine Frau nicht abgeben. Jetzt rief meine Uniform "Schütze Zietz"
die Neugier der Beamten hervor, mit meiner Angabe, dass ich Karnevalist und
Büttenredner sei, konnten die Vopos nichts anfangen. Nach langer Wartezeit
kam ein Offizier und nahm mich mit dem Koffer in einem Wagen mit in eine
Baracke. Hier war ein Kameradschaftsabend in vollem Gange. Er sagte mir, "
Nun
zeigen Sie mal, was Büttredner und Karnevalist bedeutet." Nachdem ich mit einem
Riesenerfolg meinen Vortrag beendet hatte, fuhren wir zur Kontrollstelle zurück
und konnten unsere Fahrt nach Münster fortsetzen. Scheiss DDR, Scheiss
Volkspolizei. Nach meiner Rückkehr in den Betrieb konnte ich meinem Freund
und Geschäftsführer Willy Lau dann das Gespräch mit meinem
Betriebsratskollegen wiedergeben, er sah mich an und sagte nur, Herr Eichel, das
werde ich Ihnen nie vergessen. Für mich wurde die Arbeit immer mehr zur Tortur,
denn inzwischen hatte der " Neue" immer mehr zurückstecken müssen und war, wenn er
getrunken hatte, zum offenen Angriff auf mich angetreten. Scheinbar war ihm klar,
woher die Äußerungen kamen, die sein Kollege ihm vorhielt. Für mich war das der
Zeitpunkt, an dem ich mich um eine neue Stelle bewerben wollte. Ich hatte
zwischenzeitlich von dem Baustoffgroßhandel Dobermann ein Angebot bekommen, was
zwar nicht schlecht, aber noch nicht ganz meinen Vorstellungen entsprach.
Inzwischen hatte ich meine Mutter durch Tod verloren und meine Frau zeigte erste
Anzeichen einer Krankheit, die bald zum schweren Problem für uns werden würde. Da erhielt
ich eines Tages vom Arbeitsamt die Nachricht, dass mich der Baustoffgroßhändler
Max Klippel zu einem Kontaktgespräch aufsuchen würde. Das Gespräch zwischen uns
verlief vom ersten Augeblick an gut und nachdem ich mir seinen Betrieb in Gremmendorf angesehen hatte, wurden wir uns schnell einig. Ich fing als Leiter
der Verkaufsabteilung mit einem unvorstellbaren guten Gehalt an. Nach gut 4 Wochen
machte er mir den Vorschlag, als Reisender für ihn in den Außendienst zu wechseln. Ich erhielt einen Firmenwagen und Spesen und war der König. Durch meine
aktive kostenlose Tätigkeit in den Mütterkurheimen des DRK gelang es mir für
meine neue Firma einen großen geschäftlichen Erfolg zu verbuchen und die
Vizepräsidentin des DRK Frau Else Weeks als Ehrensenatorin für meine neue Karnevalsgesellschaft
zu gewinnen. Das war für meinen Firmenchef der Grund als Mitglied und Ehrensenatspräsident
in unserer Gesellschaft
tätig zu werden. Bis zu seinem Tode führte er mit dem Prokuristen der Firma
Pebüso - Betonwerke Hans Schweifer als Vizepräsident den Ehrensenat, der ab da
das Aushängeschild der Gesellschaft wurde. Danach gelang es mir durch
meine berufliche Tätigkeit, den ehemaligen Oberstadtdirektor der Stadt
Lengerich Herrn Walter Hoffmann, der inzwischen zum Direktor des Landschaftsverbandes Münster aufgestiegen war, für unsere Gesellschaft zu
gewinnen, er wurde mit dem Prokuristen der Pebüso- Betonwerke Hans Schweifer und
dem Bankdirektor Klaus Dietrich Nacken als Vizepräsidenten, Präsident des
Ehrensenats. Mein beruflicher Aufstieg hatte inzwischen einen gewaltigen Sprung
gemacht, ich war im besten Einvernehmen von der Fa.Pebüso - Betonwerke Heribert
Büscher abgeworben worden. Ab da erlebten die Paohlbürger rechtzeitig zum Bau des ersten
Clubhauses in Roxel bei Schloss Hohenfeld eine große Unterstützung. Die
Mitgliederzahlen stiegen sprunghaft und der Zustrom an politischer
Prominenz war gewaltig. Sehr bald stellte mir unser damaliges Vorstandsmitglied
Hans Riek den Freiherrn Josef von Kerkering zur Borg vor, den er in einer
beruflichen Angelegenheit kennengelernt hatte. Josef von Kerkering zur Borg
verwaltete im Auftrag der Familie die Besitzungen um Schloss Hohenfeld. In
diesem Bereich lag auch ein alter verkommener Bauernspieker, auf den wir von
Seiten der Gesellschaft ein Auge geworfen hatten. Wir verstanden uns von Anfang
an gut, so blieb es nicht aus, dass wir schon bald in Besitz eines Närrischen
Pachtvertrages waren. Ihm verdankten wir auch den Jagdwagen des Tollen Bomberg,
der mit einem enormen Kostenaufwand von der Firma Pebüso Betonwerke Heribert
Büscher wieder fahrtüchtig gemacht wurde.
War es mir in den 7 Jahren, in dem ich im Haus Theodor
Althoff tätig war, gelungen, beide Geschäftsführer als Ehrenmitglieder zu gewinnen,
war es in den 7 Jahren bei dem Baustoffgroßhandel Max Klippel der Chef und alle
Kollegen. Mit Unterstützung des Prokuristen unserer Firma Hans Schweifer, der
inzwischen Vizepräsident im Ehrensenat war, konnten wir den Inhaber Herrn
Heribert Büscher ebenfalls für die "Paohlbürger" gewinnen. Die hervorragende
Zusammenarbeit war schon aus den beiden Anfangsbuchstaben "PB für Paohlbürger"
und "PB für Peter Büscher" dem Firmengründer und Vater meines Chefs Herrn
Heribert Büscher gegeben. Die später jährlich veranstalteten großen
Senioren- und Behindertenveranstaltungen für 5000 Personen in der Halle
Münsterland standen unter seiner Schirmherrschaft. Geschäftlich passte das alles hervorragend zusammen. In
diese Zeit fiel auch der Neubau des Kaufhauses Karstadt und nach der Einweihung
lernte ich die beiden neuen Geschäftsführer kennen, Karl Ernst Karstadt war der
letzte Spross des Hauses und mit Dieter Geissler kamen 2 neue
prominente Personen in unsere Gesellschaft als Ehrensenatoren. Dieter
Geissler ging später als Präsident zur KG Freudenthal und wir waren bis zu
seinem
Tode freundschaftlich verbunden. Bald schon hatte ich auch die ersten Architekten und Dipl. Ingeneure der
Behörden als Mitglieder gewonnen. Es war eine ganz hervor- ragende Zusammenarbeit,
was sich für den bald beginnenden Aufbau unseres ersten Clubhauses, dem Paohlbürgerspieker,
zeigte. Die zur damaligen Zeit in der Planung befindliche Autobahn Münster -
Ruhrgebiet und Münster - Osnabrück warfen ihre Schatten voraus und der
Grunderwerb setzte mich schon rechtzeitig in Kenntnis, wenn der eine oder andere
Hof eines Bauern abgerissen wurde. So konnte ich das gewünschte Material an
alten Balken, Platten, Dachpfannen und sonstigem Material günstig erwerben. An
dieser Stelle darf ich einmal sagen, dass der Bau der beiden Clubhäuser " Spieker"
und später der große Paohlbürgerhof ohne die Hilfe der Ingenieure des SNBA und des LSBA
sowie die Kunden der Firma "Pebüso - Betonwerke Heribert Büscher" gar nicht
möglich gewesen wäre. Im Jahre 1995 und nach dem Tod meiner Frau versuchte ich
eine ordentliche Übergabe der Gesellschaft an die Herren Seeger, Loos und Rohlmann mit einem Steuerberater zu erreichen. Wegen der vielen nicht
nachvollziehbaren Abrechnungsunterlagen kam aber eine ordentliche Übergabe nicht
zustande. Der neue große Paohlbügerhof, der mit dem ersten Karnevalsmuseum für
die Stadt Münster von mir und meinen Kunden geschaffen wurde, war in der Form als
Begegnungsstätte für Brauchtumspflege und Karnevalsmuseum nicht mehr existent.
Alle von mir gefertigten und aufgehängten namentlichen Hinweise auf die
großartige Leistung der Firmen und Privatpersonen wurden von den neuen Leuten
entfernt. Heute scheuen diese "Herren" auch nicht davor zurück, das Ganze als
eine Leistung Ihrerseits auszugeben. Große Geldbeträge sind verschwunden,
angeblich gezahlte Spenden nicht aufzufinden. Die einstmals exklusive Gesellschaft
mit einem eigenen 70 Personen starken Corps gibt es nicht mehr. Der gesamte
Kraftfahrzeug Park mit einem eigenen Übertragungswagen ist verschwunden. Den
Jagdwagen des "Tollen Bomberg" gibt es nicht mehr. Das von mir ins Leben
gerufene über die Grenzen Münster`s hinaus bekannte "Tennengericht" wurde zur
Veranstaltung unter Niveau. Von den einstmaligen Spitzenbüttrednern, Sängern,
Musikgruppen und Tänzerinnen ist nichts mehr da. Sie alle haben den Verein mit
dem Vorstand, den Ehrensenatoren und Sponsoren verlassen. Die in meinem Besitz
befindlichen Video - Bänder und DVD Aufzeichnungen verschiedener Sitzungen geben
Zeugnis ab von der einmaligen Leistung einiger Mitglieder, die es in dieser Form
nicht mehr gibt. Siehe auch den Bericht in der Internet - Home Page "Eine
Gesellschaft im Münsterrischen Karneval "
Mail:Info@eichelwilly.de
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